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Interview:Eine Krankheit namens Ökonomisierung

Rita Gabler.

(Foto: Josef Fuchs)

Krankenschwester und Palliativ-Fachkraft Rita Gabler attestiert dem Gesundheitssystem große Probleme.

Rita Gabler arbeitet seit 37 Jahren in der Pflege. Neben ihrer praktischen Tätigkeit als Krankenschwester war sie 13 Jahre lang Lehrerin für Pflegeberufe an der Hebammenschule der Universität München. Vor neun Jahren gründete sie mit dem Erdinger Onkologen Peter Schmidkonz eines der ersten ambulanten Palliativteams in Bayern und übernahm dessen pflegerische Leitung. Noch im Bau befindet sich ihre nächste Arbeitsstation: das stationäre Hospiz für Freising und Erding. Über die neue Wertschätzung für die Pflege freut sich Gabler, aber applaudieren würde sie, wenn sich einige andere Dinge ändern würden.

SZ: Wie hat die Corona-Krise Ihre Arbeit verändert?

Rita Gabler: Der Umgang mit ansteckenden Erkrankungen stellt in der Palliativversorgung kein Problem dar. Wir haben in unserem Bereich immer wieder Kontakt mit infektiösen Patienten, sei es mit Tuberkulose oder Hepatitis, oder Patienten, die unter einer HIV-Erkrankung leiden. Auch der Umgang mit multiresistenten Krankenhauskeimen, woran übrigens pro Jahr etwa 20 000 Menschen in Deutschland sterben, gehört zum Pflegealltag. Bei Einhaltung der normalen Hygienevorschriften stellen all diese Erkrankungen kein wirkliches Problem für die Pflegenden dar. Wir begleiten Betroffene oft über viele Monate im häuslichen Bereich. Die Schwerstkranken und ihre Familien sind in dieser Zeit maximal auf unsere Hilfe angewiesen.

Was bedeutet das Kontaktverbot für die Schwerkranken und die Familien?

Was die Situation in Zeiten von Corona im Palliativbereich derzeit so schwierig macht, ist die Tatsache, dass die Betreuung in unserem Bereich maßgeblich von der Qualität der Pflegebeziehung lebt. Vertrauen, Nähe, Zuwendung, Berührung, Kommunikation spielen bei der Betreuung unserer Patienten eine zentrale Rolle. Deshalb sind die nun gebotene körperliche Distanz und die Hygienemaßnahmen, die wir gegenüber den Patienten, ihren Familienmitgliedern und Freunden einhalten müssen, wirklich bitter für alle Beteiligten. Trauernde Familienangehörige nicht mehr in den Arm nehmen zu dürfen, um sie zu trösten, fällt sehr schwer. Auch das gemeinsame Waschen und Anziehen des Verstorbenen und die würdevolle Verabschiedung aus der Familie muss entfallen, tröstende Rituale, die den Hinterbliebenen sonst viel Kraft und Trost gespendet haben. Ich glaube, dass sich die Gesellschaft nicht bewusst darüber ist, wie wichtig eine solche Trauerkultur tatsächlich ist. Wie wertvoll allerdings pflegerische Beziehungsarbeit ist, wird vielen Menschen zurzeit deutlich bewusst. Denn es sind derzeit die Pflegekräfte, die in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern neben ihren medizinisch-pflegerischen Tätigkeiten auch noch die fehlende Präsenz der Angehörigen ersetzen müssen.

Was müsste sich in der Pflege ändern?

Bei unserem Gesundheitssystem handelt es sich um einen "schwerkranken Patienten". Die Krankheit, unter der es hauptsächlich leidet, nennt man Ökonomisierung. Nicht mehr der Patientenwille zählt, sondern das wirtschaftliche Interesse von Kliniken, Pharmaunternehmen und Ärzten. Begünstigt wird das System durch einen historisch gewachsenen, geradezu militärisch angelegten Machtapparat in unseren Krankenhäusern. Angeführt von Chefärzten, die auf lukrativen Bonusverträgen sitzen und sich damit ihren auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Geschäftsführern und Klinikbetreibern ausgeliefert haben. Dieser Druck wird massiv nach unten weitergegeben. Nicht die bestmögliche Versorgung des Patienten gilt oftmals als oberstes Ziel, sondern die "betriebswirtschaftlich optimale" Behandlung. Die Einführung der Fallpauschalen 2004 tat ihr Übriges dazu. Seit der Zeit lässt sich besonders viel verdienen, wenn der Patient möglichst aufwendig behandelt, trotzdem aber schnell wieder entlassen wird. Da die Kosten der Pflege mit in die Fallpauschale eingerechnet werden, bleibt pro Fall deutlich mehr Gewinn, wenn möglichst geringe Personalkosten entstehen.

Viele haben statt des "Danke" bessere Bezahlung gefordert. Wie sehen Sie das?

Insgesamt betrachtet ist das Malheur in der Pflege ein von der Politik und den Krankenkassen ignoriertes und von den Ärzten klar gewolltes Ausbeutungsverhältnis, aus dem sich die Pflege ohne einen starken Berufsverband und ohne Hilfe der Politik nicht wird lösen können. Da hilft kein Trostpflaster in Form von Sonderzahlungen, und nach der Krise wird der Applaus der Bevölkerung schnell wieder verhallen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit und vor allem für Ihre Patienten?

Das Palliativteam Erding könnte ein Beispiel dafür sein, wie es in der Pflege auch anders gehen könnte. Die Geschäftsführung liegt hier zu gleichen Teilen in pflegerischer und ärztlicher Hand. Als gemeinnützige Einrichtung sind wir nicht auf Gewinne ausgelegt, sondern das Wohl des Patienten steht an oberster Stelle. Eine Versorgung, wie wir sie damit gewährleisten können, würde ich nicht nur Palliativpatienten wünschen, sondern allen, die es benötigen. Es ist schade, dass es ein solches Virus gebraucht hat, damit erkannt wurde, dass Gesundheit weder mit Geld noch mit Gold aufzuwiegen ist. Natürlich ist gerade jetzt die Arbeit der Pflegenden unbezahlbar wichtig geworden. Wobei, vielleicht wäre sie ja doch bezahlbar, sofern man die Millionengehälter von Managern, Bankern, Profifußballern oder Pharma-Chefs, um nur einige zu nennen, systemrelevant anpassen würde? Ich jedenfalls würde bei einer solchen Entscheidung applaudieren.

© SZ vom 30.04.2020

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