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Loveparade-Katastrophe:Schuld sind die anderen

21 Tote, kein Schuldiger: Im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtags gehen Loveparade-Veranstalter und Innenministerium aufeinander los. Duisburgs OB Sauerland gibt sich rehabilitiert.

Die Katastrophe ist jetzt sechs Wochen her, doch die Fahndung nach dem Schuldigen scheint nicht weit gediehen. Die Stadt Duisburg? Legt ein Gutachten vor, wonach ihre Mitarbeiter im Vorfeld der Loveparade alles richtig gemacht haben. Das Innenministerium? Sieht schwerwiegende Fehler beim Veranstalter, der Firma Lopavent. Die wiederum betont, die Polizei habe sich zuständig gefühlt - und sei deshalb verantwortlich.

Adolf Sauerland

Lobte die Arbeit seiner Mitarbeiter: Der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) im Innenausschuss des nordrhein-westfälischen Landtages in Düsseldorf.

(Foto: dapd)

Am 24. Juli sind in Duisburg 21 Menschen zerquetscht und zu Tode getrampelt worden. Weitere 500 wurden verletzt, weil in einem überfüllten Tunnel, dem einzigen Zugang zum Gelände, eine Massenpanik ausgebrochen war. Jetzt versuchen die drei beteiligten Parteien, die Zuweisung der Schuld fortzuschieben, zu erdrücken. Mit Gutachten, deren Ergebnisse sich zum Teil krass widersprechen.

Der Druck auf den Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) ist besonders groß. Er leide "entsetzlich" unter seiner "Bürde", sagt er. Nach der Katastrophe hatte Sauerland Morddrohungen erhalten und etliche Rücktrittsforderungen. Im Innenausschuss des Düsseldorfer Landtages will er endlich beweisen, dass ihn keine Schuld trifft. Das Papier, von dem er sich den Befreiungsschlag erhofft, liegt im Sitzungssaal vor ihm.

Es ist ein Gutachten, dass eine Anwaltskanzlei angefertigt hat - im Auftrag der Stadt. Dennoch sei die Unbefangenheit gewahrt, betont Sauerland. Dann liest er vor: Die Mitarbeiter der Stadt hätten rechtmäßig gehandelt, Amtspflichten seien nicht verletzt worden. In freier Rede fügt er an, das Gutachten zeige, dass die Loveparade in Duisburg "nachhaltig und seriös" geplant worden sei. "Da ist nichts aus dem Boden gestampft worden."

Sauerland betont, er habe sich an Schuldzuweisungen "nie beteiligt und das werde ich auch in Zukunft nicht tun". Er bedankt sich ausdrücklich bei der Polizei: "Die Zusammenarbeit mit der Stadt Duisburg ist vorbildlich."

Die Polizei ist zuletzt in ein zweifelhaftes Licht gerückt worden. Die Veranstalter-Firma Lopavent hatte 22 Stunden Videomaterial ins Internet gestellt - Aufnahmen der Überwachungskameras auf der Loveparade. Darauf ist unter anderem zu sehen, wie Polizisten im Tunnel menschliche Ketten bilden, um den Zustrom der Besucher zu bremsen. Der Veranstalter hält das für einen der Auslöser der Massenpanik, die in die Katastrophe mündete.

"Ungeheuerlich" findet Innenminister Ralf Jäger (SPD) diese Vorwürfe. Angesichts des "Chaos'" auf dem Loveparade-Gelände habe niemand einen fehlerfreien Polizeieinsatz erwarten können. "Vorfestlegungen und Schuldzuweisungen" seien "unseriös und interessengeleitet." Dann übergibt Jäger das Wort an den Polizei-Inspektor Dieter Wehe. Was von ihm folgt, geht durchaus als Schuldzuweisung durch.

Wehe zitiert aus einer Stellungnahme des Innenministeriums, die sich im Wesentlichen mit Versäumnissen des Veranstalters beschäftigt. Es sind Antworten auf mehr als 100 Fragen der Landtagsfraktionen von CDU, FDP und Linke. Es klingt wie eine Anklageschrift.

Die Firma Lopavent habe nicht genügend Veranstalter eingesetzt, um bei einer drohenden Überfüllung des Geländes die Eingangsschleusen zu schließen. Fehlende Schilder im Tunnel hätten zur "Orientierungslosigkeit" der Besucher geführt. Polizisten hätten sogar versucht, mit selbst gebastelten Wegweisern Abhilfe zu schaffen - vergeblich.

Die "Floats" genannten Musik-Lkw hätten eigentlich im Kreis um den ehemaligen Güterbahnhof auf dem Gelände fahren sollen. Stattdessen, sagt Wehe, hätten sie die meiste Zeit gestanden. So wären die Besucher nicht zum mitgehen animiert worden - eine "Pfropfenbildung" am Eingang sei die Folge gewesen.

Schaller bleibt dem Ausschuss fern

Ferner habe es "keine wahrnehmbaren Lautsprecherdurchsagen" des Veranstalters gegeben, führt Wehe aus. Er stützt sich auf Berichte von Polizisten, die am Nachmittag des 24. Juli im Einsatz waren. Aus der Sicht der Veranstalter wird seine Expertise dadurch angreifbar.

Der Lopavent-Chef und Fitnessstudio-Mogul Rainer Schaller ist der Einladung in den Innenausschuss nicht gefolgt, stattdessen hat er zwei Rechtsanwälte entsandt. Sie kontern den Vorstoß des Polizeiinspektors: Für die Lautsprecherdurchsagen sei die Polizei zuständig gewesen - so habe es auch in einer früheren Version des Berichts des Innenministeriums gestanden. "Jetzt sind da nur noch drei Punkte im Skript zu sehen", sagt Rechtsanwalt Härting, der für Lopavent spricht.

Er wundere sich auch über eine Pressemitteilung des Innenministers, die der im Vorfeld der Loveparade veröffentlicht hatte. Darin heißt es, die Polizeibeamten seien für das Techno-Fest "hochmotiviert und bestens vorbereitet". Wer so etwas schreibe, "der fühlt sich verantwortlich", sagt Härting. Nach der Katastrophe habe das Innenministerium jedoch jede Verantwortung abgelehnt.

Immer wieder verweist der Anwalt auf die Videoaufzeichnungen und appelliert an die Ausschussmitglieder: "Sehen Sie sich das an, es ist sehr aufschlussreich." Neben den ominösen Polizeiketten (Härting: "Wer hat dafür den Befehl gegeben? Der Veranstalter bestimmt nicht.") sei dort auch zu sehen, wie Polizisten vergeblich versuchen, ihre Mobiltelefone zu benutzen - zu einem Zeitpunkt, als das Handynetz wegen zu hoher Last längst zusammengebrochen war. Die Funkgeräte der Polizei hätten ebenfalls nicht funktioniert, bemängelt Lopavent.

Innenminister Jäger kontert, es werde erst nach Abschluss der Ermittlungen der Staatsanwaltschaft möglich sein, die Leistung einzelner Polizisten zu bewerten: "Ich beteilige mich nicht an Spekulationen, sondern orientiere mich an Fakten."

Bis die vorliegen, noch dazu in gesicherter Form, wird die Schuldfrage wohl noch unbeantwortet bleiben.