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Inflation in Venezuela:Maduros magischer Sozialismus schwankt

Nicolás Maduro

Venezuelas Präsident Nicolás Maduro wirft den USA Preisdumping auf dem Energiemarkt vor.

(Foto: dpa)
  • Venezuela hat eine der höchsten Inflationsraten der Welt. Nun leidet das von Energieexporten abhängige Land unter den niedrigen Ölpreisen.
  • Präsident Maduro wirft den USA Preisdumping auf dem Energiemarkt vor.
  • Doch eigentlich ist das Problem ein anderes: Das Wirtschaftssystem des Landes muss reformiert werden.

Von Sebastian Schoepp

In Venezuela muss jeder ein Spezialist für Devisenfragen sein, egal ob arm oder reich, ob Ausländer oder Einheimischer. Wer die komplexen Regeln des Dollar-Wechselkurses nicht beherrscht, hat ein kostspieliges Leben. Venezuelas Inflationsrate ist eine der höchsten der Welt, wie hoch sie genau ist, kann man kaum sagen angesichts des Durcheinanders von Wechselkursen.

Wenn eine Flasche Mineralwasser 15 Bolivares kostet, können das zweieinhalb US-Dollar sein oder acht Cent - je nachdem, welchen Kurs man zugrunde legt. Auf dem schwarzen Markt ist der Kurs des Dollar gegenüber dem Bolivar laut BBC 28mal höher als nach dem niedrigsten offiziellen Umrechnungskurs.

Was die Sache erschwert, ist, dass es auch mehrere staatlich festgelegte Wechselkurse gibt - je nachdem, was bezahlt werden soll: Medizin, Konsumgüter oder Tourismus. Venezolaner, die bei der staatlichen Behörde die Zuteilung von Devisen beantragen, müssen angeben, wofür sie das Geld brauchen.

Venezuela leidet unter sinkendem Ölpreis

Der sinkende Ölpreis hat Venezuelas Inflation nun verschärft. 95 Prozent der Exporterlöse des Landes kommen aus dem Handel mit dem Rohstoff. Im Juni bekam Venezuela 99 Dollar je Barrel (159 Liter), Anfang Dezember waren es knapp 68 Dollar, zuletzt nur mehr 48.

Präsident Nicolás Maduro sieht die Gringos am Werk. Er hat den Vereinigten Staaten Preisdumping auf dem Energiemarkt vorgeworfen - aus politischen Motiven. Sie überschwemmten den Markt mit billigem Öl, sagte der linksgerichtete Staatschef am Montag: "Sie haben einen Krieg geplant, um Russland und Venezuela zu zerstören. Um uns zu rekolonisieren, unsere Unabhängigkeit und Revolution zu zerstören."

Das Problem ist aber eher, dass Venezuela seine ganze Existenz auf Öleinnahmen aufgebaut hat, deshalb auf Preissprünge extrem empfindlich reagiert. Der 2013 verstorbene Präsident Hugo Chávez hatte seinen Wohlfahrtsstaat darauf errichtet - was einerseits die Abhängigkeit vom Öl verstärkte. Andererseits waren bis zu Chávez' erstem Wahlsieg 1998 die Erlöse gewöhnlich fast zur Gänze in die Taschen kleiner Eliten geflossen. Insofern war die "bolivarische Revolution" ein Fortschritt.

Chávez versäumte nachhaltige Reformen

Leider aber versäumte es Chávez, Geld in Nachhaltigkeit, in die Schaffung einer Bildungs- und Wissensgesellschaft zu investieren, wie es etwa das ebenfalls linksgerichtete Ecuador versucht. Dort möchte man produktiver werden, um sich vom Öl zu lösen. Für Venezuela war es jedoch stets zu verführerisch, ganz auf das schwarze Gold zu setzen.

Das Land soll auf etwa 300 Milliarden Barrel sitzen, die größten Reserven der Welt. Folge ist, dass Venezuela so gut wie nichts produziert, Konsum- und Versorgungsgüter müssen importiert werden - zuletzt sogar Treibstoff, weil der verstaatlichten Ölindustrie Raffineriekapazitäten fehlen.

Auf die sinkenden Öleinnahmen reagiert Chávez' Nachfolger und Systemerbe Nicolás Maduro mit der Gelddruckpresse. Nur so können die hohen Sozialausgaben weiterbezahlt werden. Am besten entkommen der Inflation naturgemäß die neuen Reichen, die den korrupten Staatsapparat der Bolivarischen Republik melken. Es sind die sogenannten "Boli-Bourgeois", die man an den dicken Geländewagen und Sonnenbrillen aus Miami erkennt.

Schwache Opposition hilft Maduro

Immerhin hat Maduro sich und seinen Regierungsmitgliedern nun eine Gehaltskürzung verordnet. Doch es fehlt ihm der politische Instinkt, das Charisma und das rhetorische Talent des Hugo Chávez, der bei seinen Anhängern stets den Eindruck erweckte, er habe irgendeinen Plan um das Land doch noch aus der Misere zu führen. Maduro behauptet einfach nur Dinge, von denen jeder Venezolaner weiß, dass sie extrem unwahrscheinlich sind - wie etwa, dass 99 Prozent der Importe mit "offiziellen" Dollars abgewickelt würden.

Ist es also eine Frage der Zeit, wann Maduros magischer Sozialismus kollabiert? Bisher hält ihn die Schwäche der Opposition zusammen, der der Ruch anhaftet, aus Elitisten und Putschisten zu bestehen. Ähnlich wie Vorgänger Chávez streut Maduro deshalb ständig Putschgerüchte, was ihm die Rechtfertigung liefert, Gegner einzusperren.

Dabei hätte er das wohl zum jetzigen Zeitpunkt nicht nötig. Kein Venezolaner, der vom Chavismus profitiert, also vor allem die Armen, glaubt derzeit ernsthaft, dass es ihm etwa unter einer marktliberalen Präsidentschaft des jetzigen Oppositionsführers Henrique Capriles besser gehen würde, wenn dieser die Sozialprogramme kürzt.

© Süddeutsche.de/beitz
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