Welternährungsprogramm:Es droht Hunger wie noch nie

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Welternährungsprogramm: In Afghanistan hungern Millionen Menschen: Schlange vor einer Essensausgabe.

In Afghanistan hungern Millionen Menschen: Schlange vor einer Essensausgabe.

(Foto: Wakil Kohsar/AFP)

Klimakrise, Corona-Pandemie, jetzt Ukraine-Krieg: Ein UN-Bericht schlägt Alarm und warnt vor Hungersnöten. Hilfslieferungen alleine lösen das Problem nicht.

Von Thomas Hummel

"Der akute Hunger erreicht ein noch nie dagewesenes Ausmaß, und die globale Situation wird immer schlimmer." David Beasley, Exekutivdirektor des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), wählt drastische Worte, um die Welt aufzurütteln. Klimakrise, Corona-Pandemie, steigende Preise für Lebensmittel und Treibstoffe hätten einen perfekten Sturm ausgelöst, der russische Angriffskrieg in der Ukraine verschlimmere die Situation dazu erheblich. "Millionen Menschen in Dutzenden Ländern werden an den Rand des Verhungerns getrieben", sagt Beasley.

Alarmiert ist der US-Amerikaner von der Analyse des weltweiten Netzwerks gegen Nahrungsmittelkrisen, dem 17 Organisationen, unter anderem auch die Europäischen Union und die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) angehören. Demnach litten bereits im vergangenen Jahr etwa 193 Millionen Menschen aus 53 Ländern unter einem Mangel an Lebensmitteln - 40 Millionen mehr als im Jahr 2020. Am stärksten stieg die Zahl in diesem Jahr in Afghanistan, Äthiopien und Jemen.

Aufgrund des Krieges in der Ukraine erwarten die Organisationen, dass sich die Lage für viele Menschen zuspitzen dürfte. In einem Online-Seminar am Mittwoch erklärte der Chefökonom des WFP, Arif Husain: "Die Anzahl der Hungerkrisen in der Welt explodiert." Russland und die Ukraine gehören zu den größten Exporteuren von Nahrungsmitteln der Welt, etwa bei Getreide oder Speiseölen.

Russland hat den Export gestoppt, in der Ukraine drohen große Exportmengen wegen der Kämpfe im Land auszufallen. Dabei sind manche Länder in Afrika oder dem Nahen Osten stark abhängig von Importen aus diesen beiden Nationen, wie Somalia, Kongo oder Madagaskar. Kurzfristig woanders einzukaufen ist schwierig, weil sich die Preise in zuvor unvorstellbare Höhen geschraubt haben. Beasley warnt vor einer Destabilisierung mancher Länder und Massenmigration, sollten die Probleme nicht gelöst werden.

Die finnische EU-Kommissarin für internationale Partnerschaften, Jutta Urpilainen, appelliert an die internationale Gemeinschaft, schnell zu handeln. "Wir müssen das Schlimmste verhindern", sagt sie. Die US-Regierung kündigte zuletzt an, 663 Millionen Euro für Notmaßnahmen in Ostafrika und in Jemen bereitzustellen. Doch allein die FAO beziffert ihren Finanzbedarf auf 1,43 Milliarden Euro.

Größter Treiber von Hungersnöten sind laut der Analyse nach wie vor militärische Konflikte und politische Unsicherheiten. Zu beobachten zuletzt in der Demokratischen Republik Kongo, in Syrien oder Nigeria. Auch die Corona-Pandemie und daraus folgende akute Wirtschaftsprobleme führten etwa in Ländern wie Pakistan oder Haiti zu Hungerkrisen. Als dritten Auslöser für Hungersnöte nennt das globale Netzwerk Wetterextreme, wie die lange anhaltende Trockenheit am Horn von Afrika, die vor allem Somalia, Äthiopien und Eritrea betrifft.

"Wenn wir von akuter Ernährungsunsicherheit sprechen, meinen wir einen Hunger, der so schwerwiegend ist, dass er eine unmittelbare Bedrohung für die Lebensgrundlage und das Leben der Menschen darstellt", heißt es in dem Bericht. Das globale Netzwerk ist seit 2016 aktiv und beschreibt seither stets einen negativen Trend. Die Zahl der betroffenen Menschen hat sich demnach in sechs Jahren fast verdoppelt.

150 Euro Anbauhilfe ernährt eine Familie ein Jahr lang

Der Bericht fordert dazu auf, Finanzmittel vermehrt dafür zu nutzen, die örtliche Landwirtschaft zu stützen. Nur so könne mittelfristig der Trend zu immer mehr Hungernden umgekehrt werden, heißt es. So sei in der äthiopischen Region Tigray die Produktion der lokalen Kleinbauern entscheidend gewesen für das Überleben der ländlichen Bevölkerung. Während dort im vergangenen Jahr 183 000 Tonnen Nahrungsmittel durch internationale Hilfe aus dem Ausland ankamen, produzierten die örtlichen Landwirte 900 000 Tonnen. Würden sie nun mit ausreichend Saatgut und Düngemittel unterstützt, könnten die Bauern weiterhin die Bevölkerung versorgen, selbst wenn sich der militärische Konflikt in der Region fortsetze. Allerdings dränge die Zeit, weil hier wie in vielen anderen gefährdeten Ländern gerade die Agrarsaison beginne.

Hilfe für die Kleinbauern sei auch effektiver, der Ertrag pro ausgegebenem Euro bis zu zehnmal höher, wie der Bericht ausführt. So könne in Afghanistan ein Hilfspaket für Weizenanbau für knapp 150 Euro eine siebenköpfige Familie das ganze Jahr versorgen. Kaufe die Familie im gleichen Umfang Weizenmehl am Markt koste das viermal so viel. Bei Hilfsgütern aus dem Ausland wäre die gleiche Menge sieben bis achtmal so teuer. In Jemen koste es nur sieben Euro, um fünf Schafe oder Ziegen zu impfen und zu entwurmen, die gesunden Tiere hätten anschließend erhebliche Auswirkungen auf die örtliche Versorgung.

Wenn man nicht beginne, die Kleinbauern in Krisenregionen widerstandsfähiger zu machen, erklärt die UN-Organisation FAO, dann "wird das Jahr 2022 genauso aussehen wie 2021 - oder noch schlimmer".

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