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Horst Köhlers Medienkritik:"Spezialisten für das bewusste Missverstehen"

Geht es der Presse nur noch um "Sensatiönchen und Skandälchen"? Horst Köhler übt scharfe Kritik an den Medien. Der Ex-Bundespräsident, der sich von den Medien unverstanden fühlte und deshalb zurücktrat, vermisst bei vielen Journalisten Verantwortungsgefühl und Verständnis - und befürchtet negative Auswirkungen der reißerischen Berichterstattung auf die Gesellschaft.

Erst Probleme mit den Medien, dann Rücktritt - so könnte man sowohl den Abgang Christian Wulffs als auch den seines Vorgängers Horst Köhler zusammenfassen. Nun hat Köhler am Mittwoch in seiner Rede beim "Wittenberger Gespräch" die Sensationslust und Verantwortungslosigkeit der Medien kritisiert. Wulff erwähnte er zwar nicht namentlich, sprach aber auch über das Vertrauen der Bürger zu den Eliten des Landes.

Ex-Bundespräsident Köhler bei Wittenberger Gesprächen

Ex-Bundespräsident Köhler verurteilte in seiner Rede beim "Wittenberger Gespräch" am Mittwoch die Skandallust der Medien.

(Foto: dpa)

"Wir haben heute in den Medien eine Sparte, die vom leichtfertigen Verdacht und von der entehrenden Unterstellung lebt", beklagte Köhler. Früher habe es unter Journalisten noch solche gegeben, denen genaues Verstehen wichtig war. Heute dagegen hätten die Medien "immer mehr Spezialisten für das bewusste Missverstehen und die ehrenrührige Schnödigkeit".

So seien die Führungseliten der Gesellschaft versucht, dem Rezept der "Sensatiönchen und Skandälchen" zu folgen. Während sie mit den Medien "um Aufmerksamkeit buhlen", sei keine Zeit mehr, sich um die wirkliche Führung der Gesellschaft zu kümmern, so die Worte des ehemaligen Bundespräsidenten.

Allgemein ging Köhler auf das Verhältnis von Führungspersonen und Bürgern ein: "Wer um Vertrauen wirbt, sollte nicht zuviel versprechen, denn sein Wort gilt. Und umgekehrt: Wer sein Vertrauen gibt, sollte nicht auf jede Anpreisung hereinfallen, sondern nüchtern bedenken, was der andere überhaupt zu leisten vermag."

Wenn Medien nicht verantwortungsbewusst mit "Klarheit und Wahrheit" umgingen, habe das negative Auswirkungen auf die Gesellschaft, denn sie prägten die gesellschaftliche Kommunikation, auf deren Basis Konsens und Werte entstünden.

Köhlers war aufgrund medialer Berichterstattung im Mai 2010 von seinem Amt als Bundespräsident zurückgetreten. Auf dem Heimflug von einer Afghanistanreise hatte er gegenüber Journalisten geäußert, Deutschland müsse als Exportland im Notfall auch militärisch seine Interessen wahren. Von Medien und Opposition hagelte es daraufhin Kritik. Köhler merkte später an, er habe sich nicht auf Afghanistan, sondern auf die Piraterie im Mittelmeer bezogen.

Der ehemalige Bundespräsident appellierte am Mittwoch auch an die Bürger: An reißerischer Berichterstattung "sollten wir keine Freude haben" und "die beste Versicherung gegen solche Entwicklungen sind wache Bürger, die mehr verlangen".