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Nach Protesten:Schlägertrupps greifen Hongkonger Demonstranten in U-Bahn an

  • Unbekannte in weißen T-Shirts attackieren am Sonntagabend in der Hongkonger U-Bahn Demonstranten und Passagiere mit Knüppeln und Eisenstangen.
  • Zahlreiche Menschen werden verletzt.
  • Zuvor war es nach einem neuen Massenprotest in Hongkong zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Sicherheitskräfte setzten am Sonntag Tränengas ein, um Aktivisten zu vertreiben, die Straßen blockierten.
  • Erstmals richtete sich der Protest nicht mehr nur gegen die Hongkonger Regierung, sondern auch direkt gegen Pekings Vertretung.

Nach schweren Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten in Hongkong ist es zu einer neuen Gewalteskalation gekommen. Dutzende Unbekannte griffen in einer U-Bahnstation Protestierende und Pendler an. Auch eine Schwangere und Kinder sollen Augenzeugen zufolge geschlagen worden sein. 45 Menschen wurden verletzt, fünf Frauen schwer, ein Mann sogar lebensgefährlich, berichten CNN und die britische BBC.

Die Zeitung Apple Daily veröffentlichte im Internet Videoaufnahmen, die zeigen, wie weiß gekleidete, meist maskierte Angreifer mit Regenschirmen, Holzknüppeln und Eisenstangen in der U-Bahnstation Yuen Long schwarz gekleidete Aktivisten mit gelben Helmen und andere Passagiere schlugen. Auch in den sozialen Medien wurden zahlreiche entsprechende Videos geteilt.

Der Hongkonger Abgeordnete Ray Chan schrieb von einem Pro-Regierungs-Mob.

Der CBS-Korrespondent Ramy Inocencio veröffentlichte mehrere Videos von den U-Bahn-Attacken, unter anderem dieses:

Mehrere Videos teilte auch der Aktivist Jack Hazlewood auf seinem Twitter-Account. Beobachter vermuten, dass sogenannte Triaden hinter den Angriffen stecken, organisierte chinesische kriminelle Banden.

Empört zeigten sich Passagiere und Beobachter darüber, dass die Polizei nicht eingriff. Unter anderem der bekannte Demokratie-Aktivist Nathan Law schrieb in der Nacht auf Montag im Kurzbotschaftendienst Twitter, wenn "chinesische Mobs" Bürger angreifen würden, greife die Polizei nicht ein. "Schande über die Regierung." Der bei der Attacke verletzte Abgeordnete Lam Cheuk Ting kritisierte die Polizei ebenfalls.

Die umstrittene Hongkonger Regierungschefin Carrie Lam kündigte auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz am Montagmorgen an, sie werde die Attacken untersuchen lassen, wie CNN berichtete. Gewalt könne Probleme nicht lösen, sagte sie zudem.

Demonstranten werfen Farbe und Eier auf die Pekinger Vertretung

Hunderttausende hatten am Sonntag erneut gegen die Regierung und für Ermittlungen gegen das Vorgehen der Polizei bei vorangegangenen Protesten demonstriert. Die Demonstranten waren zum großen Teil schwarz gekleidet und trugen gelbe Helme. Am Vortag hatte es eine Solidaritätskundgebung für die Polizei gegeben, bei der Teilnehmer weiße Kleidung trugen.

Bei Protesten am Sonntag war es zu neuen Zusammenstößen zwischen der Polizei und Demonstranten gekommen. Beamte in voller Schutzausrüstung setzten am Abend Tränengas ein, um die Menge auseinanderzutreiben. Viele Demonstranten hatten sich für die Konfrontation ebenfalls mit Atemschutzmasken, selbst gemachten Schilden und Helmen gerüstet.

Erstmals richtete sich der Protest nicht mehr nur gegen die Hongkonger Regierung, sondern auch direkt gegen Pekings Vertretung. Nach dem Protestmarsch zogen Hunderte Menschen zum Verbindungsbüro der chinesischen Führung. Einige bewarfen das Gebäude mit Eiern und schwarzer Farbe, einige errichteten Straßensperren. Auch das Emblem der Volksrepublik wurde beschmutzt. Etwa 430 000 Menschen hatten nach Angaben der Organisatoren zuvor friedlich für demokratische Rechte demonstriert. Die Polizei gab die Teilnehmerzahl mit 138 000 an.

Das Verbindungsbüro verurteilte den Angriff als Herausforderung der Autorität der Pekinger Zentralregierung und des Grundsatzes "ein Land, zwei Systeme", nach dem die chinesische Sonderverwaltungsregion autonom mit eigenen Freiheiten regiert wird. Die Hongkonger Regierung kritisierte den Angriff als Verstoß gegen Recht und Ordnung, wie der Hongkonger Rundfunk RTHK berichtete. Über ihre offiziellen Konten in den sozialen Medien teilte die Polizei später mit, Demonstranten hätten Backsteine und Molotowcocktails auf Beamte geworfen und die zentrale Polizeiwache attackiert.

Pläne für ein umstrittenes Auslieferungsgesetz, durch das Bewohner von Hongkong auf dem chinesischen Festland vor Gericht hätten gestellt werden können, hatten im Juni massive Proteste losgetreten. Die Demonstranten erreichten, dass die Regierungschefin von Hongkong, Carrie Lam, den Gesetzentwurf auf Eis legte, doch den Aktivisten geht es mittlerweile noch um viel mehr. Sie wollen einen Rücktritt Lams und die Absicherung der demokratischen Freiheiten, die Hongkong für Jahrzehnte garantiert worden waren, als es 1997 von Großbritannien an China zurückgegeben wurde.

Anders als die Menschen in der kommunistischen Volksrepublik genießen die Hongkonger das Recht auf freie Meinungsäußerung sowie Presse- und Versammlungsfreiheit. Immer mehr Hongkonger befürchten aber, dass die Führung in Peking ihre Rechte beschneiden will.

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