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Homophobie in Polen und der Ukraine:"Rückfall in die Steinzeit"

Mit 19 hat Lukasz Grzeszczuk seinen Eltern in Breslau erzählt, dass er schwul ist. Sie waren verwundert, aber nicht schockiert. Er ging für fünf Jahre nach San Francisco, arbeite für eine Bank, engagierte sich in der Schwulen-Bewegung. Als er wiederkam, war das für ihn wie ein "Rückfall in die Steinzeit". Freunde berichteten ihm von Übergriffen, Verfolgungsjagden, Diskriminierungen in Ämtern und Arztpraxen.

"In den Emotionen des Fußballs schlagen diese Ressentiments schneller in Gewalt um", sagt der 28-Jährige. "Das können wir nicht ändern, und deshalb bleiben wir fern." Vor kurzem beteiligten sich Tausende Fans des Erstliga-Vereins Wisla Krakau an einer aufwendig gestalteten Choreografie, die sich über eine ganze Tribüne erstreckte - sie hetzten dabei gegen Homosexuelle und Linke. "Deutsche, Franzosen oder Engländer haben weniger Repression zu fürchten als wir Ukrainer", sagt Alla Oliynik.

Zum Vergleich: In Deutschland, der Schweiz und Spanien existieren 21 schwullesbische Fanklubs von Profivereinen, die Rainbow-Borussen in Dortmund, Andersrum Rut-Wiess in Köln oder die Meenzelmänner in Mainz. 2006 haben sie ein Netzwerk gegründet: Queer Football Fanclubs. Ihr Ziel ist das Aufweichen von Chauvinismus, Homophobie und Sexismus im Fußball. Gestützt wurden sie von dem gerade aus dem Amt geschiedenen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger.

Er hielt eine Rede vor schwulen Unternehmern, schob in der ARD einen "Tatort" zum Thema an, finanzierte einen Wagen der Fanklubs auf dem Christopher Street Day in Köln. "So etwas wäre bei uns undenkbar", sagt Lukasz Grzeszczuk, und Alla Oliynik pflichtet bei: "Es gibt niemanden, den wir offiziell um Unterstützung bitten könnten. Niemanden!" Von der Uefa erwartet sie nicht viel, zu abhängig ist der europäische Fußballverband von der ukrainischen Regierung. Sie sagt, dass es in Kiew mit mehr als 2,8 Millionen Einwohnern vier Schwulenklubs gebe. Allein in Berlin dürften es mehrere hundert sein.

Alla Oliynik und Lukasz Grzeszczuk nahmen am Osterwochenende an einer internationalen Konferenz in Hamburg teil, wo sie ihr Programm für die Europameisterschaft vorstellten. Um der Diskriminierung in der Ukraine Einhalt zu gebieten, wird etwa das Netzwerk "Football Supporters Europe" in den Austragungsorten mobile Fan-Botschaften einsetzen und in einem Internetportal über Klubs und Treffpunkte für Homosexuelle informieren.

Zaghafter Wandel

"Es war in zwei Jahren Vorbereitung nicht gerade einfach, vor Ort feste Partner für diese Angebote zu finden", berichtet die deutsche Organisatorin Daniela Wurbs. Dennoch möchte Dirk Brüllau, Sprecher der schwullesbischen Fanklubs, eines der nächsten Netzwerk-Treffen in einem der Austragungsländer der EM veranstalten: "Wir müssen das Thema auch über das Turnier hinaus in der Öffentlichkeit halten." Das Treffen soll in Polen stattfinden.

Lukasz Grzeszczuk will schon während des Turniers eine Revolution wagen. Drei Treffpunkte für Lesben und Schwule wollen sie in Polen öffnen, so genannte Pride Häuser. Tatsächlich ist in Polen ein zaghafter Wandel zu spüren. Die Partei des Ministerpräsidenten Donald Tusk will einen Gesetzesentwurf einbringen, der Homosexuelle mit Heterosexuellen im Erbrecht gleichstellt. Aber: "So weit sind wir noch lange nicht", sagt Grzeszczuk, der sich im europäischen Sportverband der Schwulen und Lesben engagiert.

Immer wieder wurden Demonstrationen von Homosexuellen in Polen untersagt. Ob die Pride Häuser daran etwas ändern? Den Sicherheitsdienst für die Pride Häuser hat Lukasz Grzeszczuk schon vor Wochen bestellt.

© SZ vom 08.05.2012/feko
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