Süddeutsche Zeitung

Homophobie in Polen und der Ukraine:Wo schwule Fußballfans gejagt werden

Homosexualität wird in den Gastgeberländern der Fußball-EM mitunter als Bedrohung für die nationale Sicherheit betrachtet. Schwule und lesbische Fans laufen Gefahr, für ihre sexuelle Orientierung bespuckt und gejagt zu werden. Doch für die Betroffenen bietet die Sportveranstaltung auch die Chance, sich über den Rahmen des Turniers hinaus zur Wehr zu setzen.

Ronny Blaschke

Wenn sich Alla Oliynik mit ihrem lesbischen Fußballteam in Kiew auf die Suche nach einem Spielfeld begibt, rückt sie nie mit der Wahrheit raus. "Wir können nicht sagen, dass wir auf Frauen stehen. Die Leute in den Behörden würden uns rauswerfen und sich danach die Hände waschen, für sie sind wir eine Bedrohung der nationalen Sicherheit." Vergangenes Jahr reichten sechs ukrainische Parlamentsabgeordnete einen Gesetzesentwurf ein, der "Propaganda von Homosexualität" unter Strafe stellen soll. Bis heute warten Aktivisten wie Alla Oliynik in der Ukraine auf einen rechtlichen Diskriminierungsschutz ihrer Sexualität.

Wenn sich Lukasz Grzeszczuk ein Spiel seiner Breslauer Lieblingsmannschaft ansehen will, schaltet er den Fernseher an. "Wenn Schwule zu einem Spiel gehen, wollen sie unsichtbar bleiben. Niemand möchte das Risiko eingehen, angegriffen oder bespuckt zu werden." Bis 1991 galt Homosexualität in Polen offiziell als Krankheit. Erst vor wenigen Wochen zerstörten Hooligans in der Nähe des Warschauer Präsidentenpalastes die Fenster einer Schwulenbar.

In Polen und der Ukraine beginnt in einem Monat die Fußball-Europameisterschaft. Ein Treffen der Kulturen soll das Turnier werden, die Organisatoren erhoffen sich Festspiele mit Fähnchen, Hymnen, Biergärten. Doch in der Ukraine wird die EM-Vorbereitung von der Debatte um Julia Timoschenko überschattet. Die ehemalige Ministerpräsidentin befindet sich im Hungerstreik, um gegen ihre Inhaftierung zu protestieren.

Der öffentlichkeitswirksame Fall hat dem ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch massive Kritik eingebracht. Bei einem anderen Streitthema aber haben weder Janukowitsch noch die Gastgeber aus Polen europaweite Maßregelung zu fürchten: Die Diskriminierung Homosexueller bleibt noch ungeahndet.

Wer positiv über Homosexualität schreibt, kriegt Ärger

"Je offener wir uns geben, desto gefährlicher leben wir", sagt Alla Oliynik. "Deshalb sind wir mit unserer Gemeinschaft isoliert." So musste die 27-Jährige im vergangenen Jahr extrem vorsichtig sein, als sie in Kiew ein Fußballturnier mit schwulen und lesbischen Teams aus Osteuropa organisierte - Details hatten die Teilnehmer in einem Internetforum ausgetauscht, mit Passwort, aus Angst vor Beschimpfungen. Alla Oliynik konnte für das Turnier keine Plakate kleben, keine Handzettel verteilen, keine Anzeigen schalten.

"Zeitungen, die Schwule und Lesben positiv beschreiben, bekommen Ärger. Von ihren Chefs, von der Politik, aber vor allem: von ihren Lesern." So veranstalteten sie ein Turnier, das kaum Zuschauer hatte, das aber den Zusammenhalt und Mut der schwullesbischen Gemeinschaft stärkte. Zum Beispiel gegen die beliebte Kampagne des Populisten Ruslan Kukharchuk, deren Titel lautet: "Liebe gegen Homosexualität."

"Rückfall in die Steinzeit"

Mit 19 hat Lukasz Grzeszczuk seinen Eltern in Breslau erzählt, dass er schwul ist. Sie waren verwundert, aber nicht schockiert. Er ging für fünf Jahre nach San Francisco, arbeite für eine Bank, engagierte sich in der Schwulen-Bewegung. Als er wiederkam, war das für ihn wie ein "Rückfall in die Steinzeit". Freunde berichteten ihm von Übergriffen, Verfolgungsjagden, Diskriminierungen in Ämtern und Arztpraxen.

"In den Emotionen des Fußballs schlagen diese Ressentiments schneller in Gewalt um", sagt der 28-Jährige. "Das können wir nicht ändern, und deshalb bleiben wir fern." Vor kurzem beteiligten sich Tausende Fans des Erstliga-Vereins Wisla Krakau an einer aufwendig gestalteten Choreografie, die sich über eine ganze Tribüne erstreckte - sie hetzten dabei gegen Homosexuelle und Linke. "Deutsche, Franzosen oder Engländer haben weniger Repression zu fürchten als wir Ukrainer", sagt Alla Oliynik.

Zum Vergleich: In Deutschland, der Schweiz und Spanien existieren 21 schwullesbische Fanklubs von Profivereinen, die Rainbow-Borussen in Dortmund, Andersrum Rut-Wiess in Köln oder die Meenzelmänner in Mainz. 2006 haben sie ein Netzwerk gegründet: Queer Football Fanclubs. Ihr Ziel ist das Aufweichen von Chauvinismus, Homophobie und Sexismus im Fußball. Gestützt wurden sie von dem gerade aus dem Amt geschiedenen Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, Theo Zwanziger.

Er hielt eine Rede vor schwulen Unternehmern, schob in der ARD einen "Tatort" zum Thema an, finanzierte einen Wagen der Fanklubs auf dem Christopher Street Day in Köln. "So etwas wäre bei uns undenkbar", sagt Lukasz Grzeszczuk, und Alla Oliynik pflichtet bei: "Es gibt niemanden, den wir offiziell um Unterstützung bitten könnten. Niemanden!" Von der Uefa erwartet sie nicht viel, zu abhängig ist der europäische Fußballverband von der ukrainischen Regierung. Sie sagt, dass es in Kiew mit mehr als 2,8 Millionen Einwohnern vier Schwulenklubs gebe. Allein in Berlin dürften es mehrere hundert sein.

Alla Oliynik und Lukasz Grzeszczuk nahmen am Osterwochenende an einer internationalen Konferenz in Hamburg teil, wo sie ihr Programm für die Europameisterschaft vorstellten. Um der Diskriminierung in der Ukraine Einhalt zu gebieten, wird etwa das Netzwerk "Football Supporters Europe" in den Austragungsorten mobile Fan-Botschaften einsetzen und in einem Internetportal über Klubs und Treffpunkte für Homosexuelle informieren.

Zaghafter Wandel

"Es war in zwei Jahren Vorbereitung nicht gerade einfach, vor Ort feste Partner für diese Angebote zu finden", berichtet die deutsche Organisatorin Daniela Wurbs. Dennoch möchte Dirk Brüllau, Sprecher der schwullesbischen Fanklubs, eines der nächsten Netzwerk-Treffen in einem der Austragungsländer der EM veranstalten: "Wir müssen das Thema auch über das Turnier hinaus in der Öffentlichkeit halten." Das Treffen soll in Polen stattfinden.

Lukasz Grzeszczuk will schon während des Turniers eine Revolution wagen. Drei Treffpunkte für Lesben und Schwule wollen sie in Polen öffnen, so genannte Pride Häuser. Tatsächlich ist in Polen ein zaghafter Wandel zu spüren. Die Partei des Ministerpräsidenten Donald Tusk will einen Gesetzesentwurf einbringen, der Homosexuelle mit Heterosexuellen im Erbrecht gleichstellt. Aber: "So weit sind wir noch lange nicht", sagt Grzeszczuk, der sich im europäischen Sportverband der Schwulen und Lesben engagiert.

Immer wieder wurden Demonstrationen von Homosexuellen in Polen untersagt. Ob die Pride Häuser daran etwas ändern? Den Sicherheitsdienst für die Pride Häuser hat Lukasz Grzeszczuk schon vor Wochen bestellt.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1351346
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 08.05.2012/feko
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.