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Handwerk:Die Macht des Malers

Ältere Arbeitnehmer

Graubereich: Kaum ein tarifgebundener Betrieb zahlt wirklich den Tariflohn, sagt ein Malermeister. Sind Tarifverhandlungen nur Makulatur?

(Foto: Jan Woitas/dpa)

IG Bau und Bundesverband Farbe ringen um neue Tariflöhne - die viele Handwerker danach selbst durchsetzen müssen. Die Branche fühlt sich in die Zange genommen.

Von Detlef Esslinger

Dieser Dienstag könnte ein interessanter Tag werden für die 200 000 Maler und Lackierer in Deutschland - darüber hinaus jedoch auch lehrreich für alle Handwerker in Branchen, die aus Kleinbetrieben bestehen. Der Bundesverband "Farbe, Gestaltung, Bautenschutz" versucht, sich mit der IG Bau auf neue Tariflöhne zu einigen. Nachdem es in drei Verhandlungsrunden kein Ergebnis gab, soll dies nun in der Form der Schlichtung versucht werden. Zwei Fragen sind dabei spannend: Was kann man von Tarifrunden in solchen Branchen erwarten? Und wie schaffen es die Handwerker, dass ihnen der Tariflohn dann tatsächlich bezahlt wird?

65 Prozent aller Malerbetriebe beschäftigen maximal vier Mitarbeiter, in weiteren 21 Prozent der Betriebe liegt die Zahl der Mitarbeiter zwischen fünf und neun. Das sind Strukturen, die für Gewerkschaften ein großes Handicap bedeuten. Erstens ist in Kleinbetrieben die Zahl der Mitglieder per se niedrig. So gibt es keine Betriebsräte, auf denen man aufbauen könnte. Und wie sollte man dort zweitens einen Streik organisieren? In der Metallindustrie, wo ein Betrieb vom anderen abhängt, kann man mit einem gleichzeitigen Streik in einem Dutzend Betrieben Eindruck machen. In der Malerbranche hingegen gibt es 41 000 Betriebe, keiner hängt vom anderen ab. Wenn man also keinen Druck aufbauen kann, was können die Maler dann erwarten?

Die IG Bau fordert sechs Prozent mehr Geld, für zwölf Monate. Die Arbeitgeber hingegen wollen einen Abschluss für 24 Monate und für die Zeit seit April nur 125 Euro Einmalzahlung bieten. Im September soll es ein Plus um 2,1 Prozent geben, und ein Jahr später um 2,65 Prozent. Dieses Angebot liegt deutlich unter dem, was die IG Bau im Mai fürs Bauhauptgewerbe erzielte; dort betrug das Plus 5,7 Prozent, ab sofort. Maler und Lackierer erhalten eh pro Monat mehrere Hundert Euro weniger als Bauarbeiter; nun sagt ihr Verhandlungsführer, IG-Bau-Vize Dietmar Schäfers: "Ich lasse nicht zu, dass der Unterschied zwischen Malern und anderen Handwerksberufen noch größer wird."

Vor der Schlichtung weisen die Arbeitgeber auf die Besonderheiten der Branche hin. Ihr Hauptgeschäftsführer Mathias Bucksteeg führt an, Malerbetriebe hätten kaum eine Chance, höhere Arbeitskosten auf die Kunden abzuwälzen. "In dieser Branche wird man von Solo-Selbständigen und Schwarzarbeitern in die Zange genommen." Die Gewerkschaft bestreitet das zwar nicht, will darin aber kein Argument für Zurückhaltung sehen: "Es gibt Probleme, die sind nicht mit den Mitteln der Tarifpolitik zu lösen", sagt ihr Vize Schäfers.

Was könnte helfen, falls Argumente versagen und wenn ein Streik kaum infrage kommt? Vielleicht der Fachkräftemangel - jedoch nur, wenn sich die Maler nicht allein auf die Gewerkschaft und deren Verhandlungsgeschick verlassen. Ein Hinweis dazu kommt vom Malermeister Hilmar Steinert aus Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz. Er sagt, kaum ein tarifgebundener Betrieb zahle den Tariflohn; er übrigens auch nicht, doch seine Firma gehört wohlweislich nicht dem Tarifverband an.

IG-Bau-Vize Dietmar Schäfers rät Malern, öfter die Stelle zu wechseln. Dann gibt's mehr Geld

Steinert hat stattdessen zusammen mit 120 anderen Betrieben den "Arbeitgeberverband für Maler und Lackierer in Deutschland" gegründet. Er würde gern mit der IG Bau separate Tarifverhandlungen führen, aus einem ganz besonderen Grund: Steinert, der mit mehr als 70 Mitarbeitern schon zu den Großen der Branche gehört, würde gern die bundesweite Malerkasse kippen, die unter anderem eine überbetriebliche Altersvorsorge finanziert. Steinert hält sie für ineffizient, er würde lieber das Weihnachtsgeld seiner Mitarbeiter erhöhen, statt Beiträge für die Kasse zu bezahlen. Die Malerkasse fußt auf einem für allgemein verbindlich erklärten Tarifvertrag von IG Bau und Farb-Verband; solange dieser durch keinen anderen ersetzt wird, kommt kein Malerbetrieb um die Beiträge umhin. Die IG Bau aber will mit Steinert keinen Vertrag machen. Sie hält die Malerkasse für unverzichtbar.

Wer indes nicht nur den Firmenchef Steinert, sondern auch den Gewerkschafter Schäfers fragt, ob die tarifgebundenen Betriebe wirklich alle den Tariflohn zahlen, der erhält zur Antwort: Das sei "unterschiedlich". Schäfers fügt einen Satz hinzu, der in Zeiten des Fachkräftemangels wohl für viele Handwerker gilt, und nicht allein für Maler: "Ich rate den Kollegen, selbstbewusster zu sein und öfter den Betrieb zu wechseln. Jeder Wechsel eines Facharbeiters führt dazu, dass er mehr Geld bekommt."

© SZ vom 28.08.2018

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