Hanau:"Sind wir Opfer oder Täter?"

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Hanau: Hanau-Untersuchungsausschuss in Wiesbaden: Said Etris Hashemi (rechts) hat den Anschlag von Hanau verletzt überlebt, aber seinen Bruder hat er verloren.

Hanau-Untersuchungsausschuss in Wiesbaden: Said Etris Hashemi (rechts) hat den Anschlag von Hanau verletzt überlebt, aber seinen Bruder hat er verloren.

(Foto: Julia Cebella/dpa)

Hamza Kurtović, gerade 22 Jahre alt, wurde beim Attentat in Hanau erschossen. Nun erhebt sein Vater schwere Vorwürfe gegen die hessische Regierung.

Von Annette Ramelsberger

Es ist der Tag, auf den Armin Kurtović hingefiebert hat, auf den er sich vorbereitet hat. Der Tag, an dem er endlich sagen kann, was ihm und seiner Familie widerfahren ist nach dem Tod seines Sohnes Hamza. Sein Sohn, gerade 22 Jahre alt, war am 19. Februar 2020 erschossen worden, nur ein paar Hundert Meter von seinem Zuhause in Hanau entfernt, in einer kleinen Bar in der Nachbarschaft. Von einem Mann, der am liebsten alle Ausländer töten wollte und dann neun junge Menschen in Hanau erschoss. Ein rassistischer Mord von einem Verschwörungsfanatiker. Der 19. Februar 2020 war der Tag, an dem die Welt von Armin Kurtović zerbrach. Und in den Wochen danach zerbrach dann auch sein Vertrauen in den Rechtsstaat.

An diesem Montag sprach Kurtović vor dem Hanau-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags. Zuvor hatte er erzählt, was er ihnen sagen will. "Stellen Sie sich bitte vor, Ihr Kind wäre mit Freunden abends irgendwohin gegangen wie so oft und wäre von einem rechtsextremistischen oder irgendeinem Terroristen deshalb erschossen worden, weil ihr Kind zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort gewesen ist. Was würden Sie denken, was würden Sie fühlen, wenn Ihnen danach jemand unterstellt, bei der Suche nach Aufklärung in der Sache ginge es Ihnen nur ums Geld?" Denn ihm sei das genau so widerfahren. "Uns ist das von staatlichen hessischen Stellen unterstellt worden."

Was Kurtović erzählt, ist harter Stoff. Es wühlt in ihm, wie die Familie von der Polizei Stunde um Stunde hingehalten wurde, während der Sohn schon längst tot war. Wie man sie immer noch in Hoffnung wiegte, ihnen sagte, er habe nur einen Streifschuss erlitten, wie die Familie die Krankenhäuser rund um Hanau abtelefoniert hatte. Und wie man in der Zwischenzeit den Sohn obduzierte, ohne die Einwilligung der Familie einzuholen. In der Obduktionsakte war vermerkt, es habe keinen "Widerspruchsberechtigten" gegeben - "und ich habe in der Tatnacht bei der Polizei gesessen und darum gebettelt, meinen Sohn zu sehen", erzählt Kurtović. Um 6.30 Uhr morgens hätten zwei Polizisten ohne Vorwarnung die Liste derer verlesen, "die es nicht geschafft haben". Seine Frau und die Tochter brachen daraufhin zusammen. Erst sechs Tage später erfuhren sie, wo die Leiche ihres Sohnes liegt, in der Gerichtsmedizin in Frankfurt.

"So etwas tut nicht nur weh. So etwas ist unmoralisch", sagt Kurtović

Kurtović richtet schon lange schwere Vorwürfe an das hessische Innenministerium und die Polizei. Er verstehe nicht, dass Verantwortliche in der hessischen Politik darauf aus seien, "ihre Spitzenleute zu schützen, und dass sie dafür sogar bereit sind, die Opfer und deren Familien offen oder verdeckt anzugreifen, um sie als unglaubwürdig darzustellen". Kurtović sagt dazu: "So etwas tut nicht nur weh. So etwas ist unmoralisch." Die Polizei müsse prüfen, was falschgelaufen sei, was Menschenleben gekostet habe, damit nicht andere ein ähnliches Schicksal erleiden. Innenminister Peter Beuth (CDU) habe sich aber immer wieder Gesprächen mit den Opferfamilien entzogen.

Kurtović treibt um, dass der Notruf der Hanauer Polizei an diesem Abend nicht erreichbar war. Auch, dass der Notausgang der Bar, wo sein Sohn starb, nicht zu öffnen war. Dass die Tatortarbeit der Polizei nur oberflächlich war. Und dann rief auch noch die Migrationsbeauftragte an und warnte, sie sollten keine Rache üben am Vater des Täters, der in Hanau wohnt. "Sind wir Opfer oder Täter?", fragt sich Kurtović. Das alles wollte er den Abgeordneten im Untersuchungsausschuss nahebringen.

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