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Hamburg:Angst vor der grünen Frau

In der Hansestadt wird sich zeigen, wie gut die Grünen bei Konservativen ankommen.

Damals, als Kinder noch draußen spielten, riefen sie vor dem Fangen so laut sie konnten: "Wer hat Angst vor dem schwarzen Mann?" - "Niemand!" - "Und wenn er aber kommt?" - "Dann laufen wir davon!" Und alle rannten weg vor dem Schattenmann. Das ist lange her, und mit der Hamburger Wahl am kommenden Sonntag hat es auch nur insoweit zu tun, als dass die Wählerschaft dort im übertragenen Sinne eine moderne, gendergerechte Variante des Fang-Mich-Spiels von einst entdeckt hat: Wer hat Angst vor der grünen Frau?

Der Slogan, mit dem Katharina Fegebank, 42, in der Hansestadt antritt, lässt keine Fragen offen: "Erste Frau, erste Grüne, erste Wahl". Seit dem Jahr 1860 kennt die Hamburgische Verfassung das heutige System mit Erstem und Zweitem Bürgermeister; mit Fegebank, derzeit Zweite hinter dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), und der allgemein günstigen grünen Thermik soll sich nicht nur die Terminologie ändern: Erste Bürgermeisterin. Noch Mitte Januar sah eine Umfrage die Grünen gleichauf mit der SPD bei 29 Prozent. Zuletzt prognostizierte dasselbe Institut allerdings für die Sozialdemokraten 38, für die Grünen nur noch 23 Prozent. Hat Hamburg wirklich Angst vor der grünen Frau?

Die nur regional wirksame Wahl an Alster und Elbe ist schon durch die Ereignisse von Thüringen mit bundesweiter Bedeutung aufgeladen. Der kommende Sonntag kann ein Indikator dafür sein, wie weit die Schockwellen aus Erfurt in den Westen vorgedrungen sind. Die CDU fürchtet ihr schlechtestes Ergebnis der Geschichte, die FDP sieht einer Zitterpartie um den Einzug ins Parlament entgegen. Wie viel Thüringen in diesen erwartbaren Niederlagen steckt, werden die Demoskopen nach der Wahl erklären.

Für die Grünen ist der Urnengang aus ganz anderem Grund mehr als nur eine Hamburger Spezialität wie eine Portion Labskaus. Im eher konservativen Milieu der Hansestadt werden sie ablesen können, wie weit sie ins Herz des Bürgertums vorgedrungen sind. Was ihnen Wirtschaft, Handel, Handwerk und vor allem der Hafen zutrauen. Ob die Leute ernst machen mit ihrer Stimme, wenn es ernst wird. Für eine Partei, deren Vorsitzende fürs Kanzleramt gehandelt werden, ein interessanter Versuchsaufbau.

Veränderung an sich ist hier kein Wert, Verlässlichkeit umso mehr

Im Grunde müssen die Grünen die Frage nach solchen Kompetenzen nicht mehr beantworten. Sie stellen in der Autohochburg Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten, in der Autostadt Stuttgart den Bürgermeister, sie haben in Hessen einen Wirtschaftsminister und verantworten in Bremen seit Jahren das vielleicht schwierigste Finanzressort der Republik. Zuletzt ist das Rathaus in Hannover einem Grünen zugeschlagen worden, und auch Robert Habeck setzte aus dem Kieler Wirtschaftsministerium zu seinem Höhenflug als Bundespolitiker an.

Doch Hamburg ist eine in besonderer Weise auf Sicherheit bedachte Stadt. Hier ist Veränderung an sich kein Wert, Verlässlichkeit aber umso mehr. Daher säen SPD und CDU seit geraumer Zeit die Angst vor grünen Experimenten. Angst vor einer autofreien Innenstadt, Angst vor einem ökologisch eingebremsten Hafen, allgemeine Abstiegsangst, wenn das vertraute Tête-à-tête der Politik mit der Wirtschaft grüner Skepsis wiche.

Die grüne Frau kommt, und alle rennen weg? Eine Woche bleibt ihr noch, die Wähler wieder einzufangen.

© SZ vom 17.02.2020
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