Gymnasium:Das G 8 ist am Ende

Bayern macht auch das Abitur nach neun Jahren wieder möglich. Die Prognose sei gewagt: Es wird wieder zum Standard. Und das nicht bloß in Bayern. Die Erfahrungen sind in vielen Ländern dieselben.

Von Anna Günther

Sogar die bayerische Staatsregierung gibt also nun den Widerstand gegen das neunjährige Gymnasium auf. Das ist ein Indiz dafür, dass es mit dem Turbo-Abitur nach acht Schuljahren bald ganz vorbei sein wird. Von 2018 an sollen die Schulen im Freistaat selbst entscheiden, ob sie das G 8 oder das G 9 anbieten wollen. Angesichts der Stimmung unter Lehrern und Eltern ist das Ergebnis jetzt schon klar: Das Abi nach der 13. Klasse wird wieder Standard.

Dies zeichnet sich nicht nur für Bayern ab. Auch in anderen der alten Bundesländer gibt es mittlerweile beide Varianten; Niedersachsen ist sogar ganz zum G 9 zurückgekehrt. Anderthalb Jahrzehnte nach der Einführung des G 8 im Westen müssen die Verfechter der damaligen Politik erkennen, dass sie sich von Wünschen aus der Wirtschaft und Wettbewerbsdenken haben treiben lassen. Der einstige Bundespräsident Roman Herzog hatte das 13. Schuljahr sogar einst zur gestohlenen Lebenszeit erklärt. Bayerns langjähriger Ministerpräsident Edmund Stoiber, der Schnelligkeit immer für einen Wert an sich hielt, trieb das bayerische Gymnasium 2004 mit der Umstellung von einem Schuljahr aufs nächste in endlose Diskussionen und endloses Herumgemurkse.

Auch die CSU erkennt: Bildung ist nicht nur eine Frage der Algebra

Nun sind auch die Planer schlauer. Nun kennen sie die Klagen vieler Professoren, die G-8-Abiturienten hätten zu wenig Wissen, um für ihr Studium wirklich gerüstet zu sein. Nun wissen sie, dass viele 17-jährige Abiturienten noch nicht die geringste Ahnung haben, wohin sie im Leben wollen - und deshalb nach der Schule erst mal ein Jahr Pause einlegen und Dinge machen wie Work and Travel in Australien.

Wer hingegen durchstartet, der hat zwar mit 21 seinen Bachelor. Aber dann? Immer mehr Unternehmen erkennen: Die neuen Mitarbeiter haben zwar einen Hochschulabschluss, in ihrem Wesen aber sind sie dem Kinderzimmer immer noch näher als dem Büro. Sie können zwar auswendig lernen, aber sie hatten kaum Zeit, menschlich zu reifen. Bildung bedeutet mehr als bloß die Vermittlung von Algebra, das erkennt mittlerweile auch wieder die CSU. Eltern und Kinder wollen Zeit zum Lernen haben, Zeit zum Nachdenken, zum Tüfteln und für Vereine. Für all das ist im G 8 keine Zeit geblieben. Wahlkurse sind an vielen Schulen aufs Minimum geschrumpft. Auch deshalb wünschen sich sehr viele sehr gute Schüler neun Jahre Zeit.

Das Gymnasium von heute ist mit dem vor 15 Jahren nicht zu vergleichen. In Deutschland gehen deutlich mehr Schüler aufs Gymnasium als früher, und längst sind es nicht mehr vor allem Akademikerkinder. Je vielfältiger aber die Herkunft der Schüler, desto flexibler müssen die Schulen fördern können. Im G 8 war dafür kein Raum. Funktioniert hat es eigentlich immer nur in den neuen Ländern: Dort ist es Tradition, dort gab es daher das westdeutsche Herumgemurkse nicht. Mit dem G 9 kann es eigentlich nur noch besser werden. Und dann bitte Schluss mit dem Herumexperimentieren an Generationen von Schülern.

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