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Guttenberg:Ein sehr engagierter Bürger

Wahlkampf der CSU - Karl-Theodor zu Guttenberg

Die große Welt zu Gast in Kulmbach: Karl-Theodor zu Guttenberg.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Zurück in die Politik? Doch in die USA? Offiziell ist alles offen, doch in Kulmbach wirkt Karl-Theodor zu Guttenberg wie einer, der gekommen ist, um zu bleiben.

Von Roman Deininger und Wolfgang Wittl, Kulmbach

Es ist bald Bundestagswahl, man könnte glauben, dass da gerade ein Kandidat gefeiert wird, ein Mann auf dem Sprung an die Macht. Einer, für den alles läuft. Auf jeden Fall ist es einer, für den 80 Journalisten aus allen Ecken des Landes an einem Mittwochabend nach Kulmbach reisen. 1100 Leute in der Halle, noch ein paar mehr draußen, wo seine Rede auf Fernsehern übertragen wird. Beifallseruption am Ende, dann rhythmisches Klatschen minutenlang. Für die 100 Meter aus der Halle zum Auto braucht er 45 Minuten, Selfie hier, Umarmung da. Taumelnde Kameramänner, Fans mit extra bedruckten Schals: "Our saviour". Unser Retter.

Offiziell ist der Mann kein Retter, er ist nicht mal Kandidat. Er sei, beteuert Karl-Theodor zu Guttenberg selbst, einfach nur ein "engagierter Bürger", der aus Sorge ums Gemeinwohl und im Dienst seiner Partei einen Vortrag zur Weltpolitik hält. Aber eigentlich rätseln die meisten hier nur noch, welches Bundesministerium Guttenberg nach der Wahl übernehmen könnte.

Sechseinhalb Jahre hat Guttenberg, 45, im amerikanischen Exil verbracht. Die neun Auftritte, die er auch auf Bitte von CSU-Chef Horst Seehofer in den nächsten Wochen absolvieren will, sind eine Art Testlauf. Hat die CSU-Basis, haben die Bürger ihm die Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit verziehen? Für die erste Kundgebung hat er sicheren Boden gewählt, seinen alten Heimatwahlkreis in Oberfranken.

Gleich am Anfang räumt Guttenberg seinen schmählichen Abschied als Verteidigungsminister 2011 ab. Und zwar mit einer Doppelstrategie, der es an Chuzpe nicht mangelt. Zuerst geht er mit drastischen Worten in Sack und Asche, um dann im selben Atemzug die Affäre für beendet zu erklären: "Ich bin all jenen dankbar, die mich scharf kritisiert haben bei meinem selbst verursachten Versagen, ich bin auch dankbar für den Spott und die Häme. Ich habe, glaube ich, die Konsequenzen gezogen und ertragen. Aber ich darf nach langer Zeit auch für mich selbst sagen: Irgendwann ist auch mal gut." In der Halle scheint das niemand anders zu sehen.

Ansonsten bringt Guttenberg, Viertagebart, cooles Sakko, die große Welt ins kleine Kulmbach. Etwas ratlos nehmen die Zuhörer zur Kenntnis, dass Merkels Flüchtlingspolitik "das Ansehen unseres Landes bei Sunniten wie Schiiten gleichermaßen gesteigert hat". Der "Dickmops" Kim Jong-un ist schon konsensfähiger. Bei Guttenberg klingt Triviales bedeutsam, und nach langer Abwesenheit hat er auch den Vorteil, dass Altes recht neu klingt.

Er gibt sich kampfeslustig, wahlkampfeslustig, er schießt zurück gegen Sigmar Gabriel, der ihm den "Trainingsort" bayerischer Landtag empfohlen hatte. Gabriel, sagt Guttenberg, sei ja auf Diät und müsse aufpassen, dass er nicht als "rachitische Dörrzwetschge" ende wie Joschka Fischer. "Gazprom-Gerd" sagt er zu Gerhard Schröder. "Alte Liebe Rosneft nicht", witzelt er noch, vergisst aber die Fußnote, dass der Satz aus einer FAZ-Überschrift stammt.

Die CSU streamt Guttenbergs Auftritt live im Internet, ein wichtiger Teil des Zielpublikums schaut in Ingolstadt zu. "Ich bin fürs Erste zufrieden", lässt Horst Seehofer nachher wissen. Einfach nur zufrieden? Seehofer schwärmt: "Es gibt auch in der Politik eine höhere Liga." Denkbar ist, dass das Unterhaltungsprogramm aus Kulmbach auch im nahen Nürnberg mindestens einen Zuschauer gefunden hat. Markus Söder, der ehrgeizige bayerische Finanzminister, wird die schleichende Rückkehr des Rivalen Guttenberg fortan wohl mit abnehmender Gelassenheit verfolgen.

Es gibt eine Frau, die Söder indirekt zu Hilfe kommen könnte. Sie lehnt an einem Stehtisch am Bühnenrand: Stephanie zu Guttenberg, Karl-Theodors Frau. Ihr wird eine klare Präferenz für den Lebensmittelpunkt USA nachgesagt. Insofern ist der Abend von Kulmbach für Karl-Theodor zu Guttenberg vielleicht ja auch eine willkommene Botschaft an die eigene Gattin: Schau her, ich werde gewollt.

Gut, Kulmbach war ein Heimspiel für ihn. Die größere Prüfung wartet am Montag, auf dem Volksfest Gillamoos im niederbayerischen Abensberg. Auch Martin Schulz wird dort sprechen. Aber Guttenberg wird vor allem an sich selbst gemessen werden: an der Rede, mit der er 2009 an gleicher Stelle die Zuhörer auf die Tische trieb vor Begeisterung.

Zum Schlusswort in Kulmbach tritt Emmi Zeulner ans Mikrofon, die Bundestagsabgeordnete. So richtig hören ihr die Leute gar nicht mehr zu. Dabei bringt sie die Lage auf den Punkt. Sie und die Oberfranken-CSU hofften, dass Guttenberg jetzt "ganz, ganz oft wiederkommt und uns lange erhalten bleibt, in welcher Funktion auch immer". Zeulner sagt: "Aber das kann nur er entscheiden." Diese Entscheidung ist nun wieder ein gutes Stück nähergerückt.

© SZ vom 01.09.2017
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