Großbritannien Brot oder Tampons?

Hygienartikel in einer Londoner Apotheke: Für viele Briten ist mangelnde Körperpflege keine Frage des Willens, sondern des Geldes.

(Foto: REUTERS)
  • Hygieneartikel sind gerade für bedürftige Menschen oft zu teuer
  • In Großbritannien gibt es die Initiative "Beauty Banks", die Toilettenartikel an Charitys, Obdachlosenheime und Tafeln verschickt
  • In Kanada und Australien wurde die Steuer auf Tampons sogar ganz abgeschafft
Von Cathrin Kahlweit

Als die Abgeordnete Danielle Rowley vor einiger Zeit zu spät zu einer Debatte über Frauen und Gleichberechtigung im Unterhaus kam, entschuldigte sie sich damit, dass sie ihre Periode habe. Sie sei deshalb noch kurz im Waschraum gewesen. Daraufhin wurde sie nicht etwa seltsam beäugt, sondern gefeiert, weil sie, so ihre Kolleginnen, "das Tabu der Menstruation, das kein Tabu sein sollte", gebrochen habe. Tatsächlich hatte die Schottin mit ihrer kalkulierten Provokation darauf hinweisen wollen, wie teuer Hygieneprodukte seien; viele ärmere Frauen könnten sich diese schlicht nicht leisten.

In dieser ungewöhnlichen Parlamentsdebatte wurde auch eine Initiative gelobt, die eine Beauty-Journalistin und eine PR-Frau ins Leben gerufen haben und die sich, zumal in der Vorweihnachtszeit, vor Anfragen und Helfern kaum mehr retten kann: Beauty Banks. Das Projekt ist an die Tafeln angelehnt (auf Englisch: Food Banks), fungiert aber nicht als Ausgabe-, sondern als Spendenverteilstelle. Sali Hughes und Jo Jones organisieren Toilettenartikel, die sie an Charitys, Obdachlosenheime und Tafeln verschicken - oder von Spendern verschicken lassen. 125 Abnehmer haben sie landesweit, unterstützt werden sie von einer Stiftung, die selbst fast 500 Tafeln für Lebensmittel betreibt.

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Das Model Lauren Wasser wird sich auch ihr zweites Bein amputieren lassen, nachdem ein gewöhnliches Tampon bei ihr eine schwere Erkrankung auslöste. Die wenigsten Frauen wissen, dass Tampons ein tödliches Risiko bergen. Dabei wäre die Abhilfe so einfach.

Zu viele Menschen, sagt Hughes, seien so arm, dass sie sich zwischen Essen und Kosmetika entscheiden müssten; das sei untragbar. Sie habe Teenager erlebt, die eine zusammengerollte Socke oder Toilettenpapier statt einer Binde benutzten, viele Obdachlose hätten weder Seife noch Rasierer. Eine junge Frau habe ihr gestanden, durch eine Spende habe sie zum ersten Mal im Leben ein Duschgel besessen. "Jeder sollte sich Haare waschen oder Zähne putzen können", findet Hughes, das sei eine Frage der Würde. "Hygiene-Armut" nennen die Beauty-Banks-Gründerinnen das Problem - und es wächst. Ein Fünftel der Briten lebt an oder unter der Armutsgrenze, bei Kindern sind es sogar 30 Prozent. Ein UN-Bericht über extreme Armut im Königreich konstatiert, dass die jüngsten Budgetkürzungen Frauen überproportional stark getroffen hätten.

Auch in Deutschland, wo Tafeln eine wachsende Zahl Bedürftiger versorgen, bieten einzelne Einrichtungen neben Essen, Möbeln und Kleidern auch Kosmetikprodukte an. Aber die Idee der Britinnen geht weiter: Sie finden, dass Hygieneartikel Teil der Grundversorgung sein sollten in einem Land, in dem die soziale Schere immer weiter auseinandergeht.

Schülerinnen erhalten kostenlose Tampons

In Schottland, wo die Labour-Abgeordnete Danielle Rowley ihren Wahlkreis hat, sieht man das auch so. Die Debatte darüber, dass Hygieneartikel für viele notleidende Familien unerschwinglich sind, hat dazu geführt, dass die Regierung in Edinburgh kürzlich selbst dazu übergegangen ist, Kosmetika über Sozialhilfeeinrichtungen und Tafeln abzugeben. Studentinnen und Schülerinnen erhalten seit diesem Sommer Tampons kostenlos.

Mittlerweile hat das Thema auch wieder das Unterhaus erreicht. Nachdem in Kanada und Australien die Steuer auf Tampons abgeschafft wurde, wird auch im Königreich gefordert, diese Abgabe zu streichen. Die zuständige Staatssekretärin sagt, das gehe frühestens nächstes Jahr: dann, wenn Großbritannien die EU verlassen habe.

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