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Golfregion:Unter Spannung

Das Atomkraftwerk Barakah in den Vereinigten Arabischen Emiraten liegt westlich der Stadt Ruwais nahe der Grenze zu Saudi-Arabien.

(Foto: Stringer/AFP)

Die Vereinigten Arabischen Emirate nehmen das erste Kernkraftwerk in der arabischen Welt in Betrieb. In der instabilen Region könnte das neue Probleme schaffen.

Von Moritz Baumstieger und Paul-Anton Krüger

Der "göttliche Segen" sprang per Mausklick an, ganz so, wie es die Ingenieure geplant hatten. Und so konnte Mohamed bin Zayed, der Kronprinz von Abu Dhabi und De-facto-Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate, am 1. August um 10.23 Uhr Ortszeit verkünden: "Mit Stolz bezeugen wir die Inbetriebnahme des Barakah-Atomkraftwerks". Der "göttliche Segen", so die Übersetzung des Namens des ersten Nuklearreaktors, der je in einem arabischen Land in Betrieb genommen wurde. Nur wenige Tage, nachdem die Emirate erfolgreich eine Marssonde auf den Weg gebracht haben, konnte sich der aufstrebende Staat am Persischen Golf ein weiteres Mal als regionale Vormacht inszenieren. Ein "historischer Erfolg", befand Kronprinz bin Zayed, ein Meilenstein Richtung nachhaltige Entwicklung.

In der Tat lesen sich die Zahlen beeindruckend, die bei dem aus vier Blöcken bestehenden Kraftwerk im Datenblatt stehen: Erst 2012 begann der südkoreanische Staatskonzern Kepco mit den Baumaßnahmen im Osten der Emirate nahe den Grenzen zu Katar und Saudi-Arabien. Doch schon bald sollen die 18,5 Milliarden Euro teuren Reaktoren 5,4 Gigawatt Strom liefern. Genug, um ein Viertel der zehn Millionen Einwohner der Emirate zu versorgen.

Das Leben in den Glitzermetropolen Abu Dhabi und Dubai ist energieaufwendig - Entsalzungsanlagen zur Trinkwasserproduktion fressen Strom, in den Wohntürmen, Büros, den gigantischen Einkaufsmalls und auch Skihallen laufen die Klimaanlagen rund um die Uhr. In Zukunft soll das den Klimawandel aber nicht weiter befeuern: Den Löwenanteil ihres Energiebedarfs stillten die Emirate bisher durch fossile Brennstoffe. Für einen Erdgas- und Erdölproduzenten ist das zwar eine billige Art der Versorgung, das von Mohamed bin Zayed angestrebte Image der Emirate als Inkubator von Zukunftslösungen befördert es aber nicht gerade. Durch Atomstrom wollen die Emirate nun 21 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr einsparen.

Manche Energieexperten und Politik-Analysten sehen im ersten arabischen Atomkraftwerk jedoch weniger einen Segen denn einen potenziellen Fluch. Zum einen senden die Emirate ihrer Ansicht nach mit ihrer Umarmung der Nukleartechnologie ein rückwärtsgewandtes Zeichen für einen Staat in einer Region, die wie kaum eine andere für erneuerbare Energien gemacht ist. Sieben Sonnenstunden selbst im Januar und bis zu zwölf im Juli können die Statistiker am Persischen Golf verbuchen, in Deutschland sind es zum Vergleich zwischen 1,6 im Winter und 7,1 im Sommer. Zudem könnten die Emirate sonst wenig genutzte Wüstenflächen für große Solar- und Photovoltaikparks verwenden. Solche wurden und werden auch in den Emiraten gebaut; 2019 wurde mit "Noor Abu Dhabi" der weltgrößte in Betrieb genommen, der fast 1,2 Gigawatt Strom produziert - nur knapp weniger als einer der vier Blöcke des neuen Atomkraftwerks. Um die Energiesicherheit in Zukunft zu garantieren, sei Sonnenenergie allein aber zu wenig, befand die Regierung.

Dass die Emirate trotzdem auf die nukleare Option setzen, könnte andere Gründe haben, spekuliert etwa der Wissenschaftler Paul Dorfman in einem viel beachteten Meinungsbeitrag. "Die Natur des emiratischen Interesse am Nuklearen könnte eine versteckte sein - die Proliferation nuklearer Waffen", so der Forscher am Energie-Institut des Londoner University College.

Bisher gibt es keine Anzeichen, dass die Emiratis tatsächlich nach der Bombe greifen wollen

Die Emirate haben 2009 mit den USA unter Barack Obama ein Abkommen geschlossen, das ihnen Zugang zu Atomreaktoren sichert, die Nutzung anderer Technologien, die auch militärischen Wert haben können, aber versagt - vor allem die Urananreicherung und die Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennstäbe, bei der Plutonium anfällt. Das galt lange als Goldstandard für die zivile Nuklearkooperation, doch hat sich seither kein anderes Land auf diese Bedingungen eingelassen. Angesichts des Konflikts mit dem Nachbarn Iran, der zumindest in der Vergangenheit nach der Bombe strebte, und der Nähe zum atomar bewaffneten Israel könnten die Fürsten der Emirate eines Tages auch andere Pläne verfolgen. "Das Investment der Emirate in diese vier Nuklearreaktoren stellt ein Risiko dar, das die leicht erschütterbare Golfregion weiter destabilisieren könnte", schreibt Dorfman, "und das die Möglichkeit nuklearer Proliferation erhöht."

Bisher gibt es keine Anzeichen, dass die Emirater tatsächlich nach der Bombe greifen wollen, doch fürchten Diplomaten und Experten ohnehin eine Kettenreaktion im Nahen Osten: Der selbstbewusste saudische Kronprinz Mohammed bin Salman dachte für den Fall einer iranischen Atombombe bereits laut über nukleare Bewaffnung nach, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan stellte gar den Atomwaffensperrvertrag infrage: Es sei unfair, das manche Staaten Atomwaffen besitzen dürften, andere aber nicht - wie etwa die Türkei. Beide wollen zunächst aber Pläne für die zivile Nutzung vorantreiben. Saudi-Arabien, das sich bisher weigert, auf Anreicherung und Wiederaufbereitung zu verzichten, will bis zum Jahr 2040 nicht weniger als 16 Meiler hochziehen, im türkischen Akkuyu baut seit 2018 ein russisches Konsortium vier Reaktoren. Auch in Ägypten sollen russische Auftragsnehmer in diesem Jahr mit dem Bau einer Anlage beginnen.

Doch auch die Gefahren der Gegenwart in der instabilen Golfregion bereiten Sorge: Bereits 2017 reklamierten die Huthi-Rebellen aus Jemen für sich, die Barakah-Baustelle mit ballistischen Raketen beschossen zu haben. Die Brennstäbe wurden mit dem Schiff geliefert, die strahlenden Abfälle sollen ebenfalls durch den Persischen Golf abtransportiert werden. Dort ist es jüngst immer wieder zu Zwischenfällen mit Schiffen gekommen. Sollte wegen eines Angriffs oder wegen eines Unfalls radioaktives Material in das Wasser des Persischen Golfs gelangen, das fast alle Anrainer zur Trinkwasserversorgung entsalzen - die Katastrophe wäre kaum auszumalen. Ähnliche Bedenken hatten die arabischen Anrainer mit Blick auf Buschir, das iranische Atomkraftwerk, das in einer Erdbebenzone liegt. Südkorea, das Land, das den "göttlichen Segen" für die Emirate baute, hat aus solchen Überlegungen den Ausstieg aus der Atomenergie eingeleitet. Die Erfahrung von Fukushima machte eine theoretische Bedrohung plötzlich konkret.

© SZ vom 04.08.2020
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