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Globaler Einfluss der USA:Amerika bleibt mächtig

Und es ist wohl auch übertrieben zu sagen, die Welt werde ohne Amerika leben. Die USA werden Groß-, ja Weltmacht bleiben. Aber sie werden eine sehr wählerische Macht werden. Jeder künftige Präsident wird genau abwägen, wo auf der Welt und mit welchem Ziel er amerikanisches Geld und amerikanisches Blut investiert. Die Zeit, in der die Amerikaner beides recht bereitwillig gaben, ist vorbei.

Obamas minimalinvasive Nahost-Politik ist bereits ein Vorgeschmack auf diese Zukunft. Es gibt dort eine große strategische Bedrohung, welcher der Präsident Aufmerksamkeit widmet: Irans Streben nach Atomwaffen. Der Rest - never mind. Diesem Muster folgen auch die Drohnen-Angriffe von Jemen bis Pakistan.

Bevor man nun Häme über den Rückzug des Hegemons empfindet, sollte man darüber nachdenken, wer auf die Amerikaner folgen wird. Zwei Prognosen: Zum einen werden in vielen Fällen die nachrückenden Mächte nicht besser, sondern gefährlicher, unberechenbarer, undemokratischer sein. Um Lateinamerika muss man sich wohl die wenigsten Sorgen machen. Doch in Asien wartet China auf seine Stunde. Im Nahen Osten drängen Saudi-Arabien und Iran in die Lücke, die Amerika hinterlässt. Russlands Präsident Wladimir Putin benimmt sich, als spiele er die Hauptrolle in einer Wiederaufführung des Kalten Krieges. Sind Pekinger KP-Funktionäre und arabische Prinzen, Teheraner Islamisten oder russische Judokas tatsächlich bessere Garanten für die Werte und Interessen, die dem Westen teuer sind, als die Amerikaner? Wohl nicht. Es gibt keinen Grund zu glauben, ein chinesisches 21. Jahrhundert würde wirklich besser werden als das amerikanische 20.

Zum Zweiten werden sich die Europäer noch wundern, um welche Probleme in ihrer Nachbarschaft sie sich künftig selbst werden kümmern müssen. Wer zum Beispiel nimmt sich des Nahen Ostens an, wenn Amerika nicht mehr will? Überlässt man die Region sich selbst und den um Vormacht ringenden Arabern und Persern? Was passiert, wenn eines Tages die nach Öl dürstenden Chinesen in den Persischen Golf drängen? Bisher steht dort ein großes Stoppschild in Gestalt der Fünften Flotte der US-Marine. Steht es dort auch noch in 30 Jahren? Amerika versucht gerade, China in Asien Kontra zu geben. Mag sein, dass die Fifth Fleet künftig im Pazifik gebraucht wird. Wer ersetzt sie?

Als die Römer weg waren, kamen die Barbaren über das Land. Aber es gibt Hoffnung. Die finstere Zeit dauerte, mit Unterbrechungen, nur etwa 1000 Jahre.

© SZ vom 20.10.2012/beitz
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