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Gewalt in Großbritannien:Unterschwellig gärt es

Dass das Miteinander allerdings doch nicht so harmonisch läuft, wie es das Bild von 2012 glauben machen sollte, zeigt sich in regelmäßigen Abständen. 2001 lieferten sich weiße und asiatische Jugendliche in mehreren nordenglischen Städten Straßenschlachten. 2005 legten vier muslimische Männer mehrere Bomben im Londoner Nahverkehrsnetz, weitere Anschläge wurden verhindert. 2011 entlud sich die Wut über soziale Ungerechtigkeit, mangelnde Aufstiegschancen und latenten behördlichen Rassismus in mehreren Großstädten in tagelangen Unruhen.

Oberflächlich steckt die Gesellschaft das weg, unterschwellig gärt es. Nach dem brutalen Soldatenmord wurden Moscheen in Brand gesetzt, bärtige Männer und verschleierte Frauen wurden tätlich angegriffen, im Internet schwelte der Hass. Rechtsextreme Gruppen argumentierten, der Mord sei auf die "massenhafte Einwanderung" zurückzuführen. Auch gemäßigte konservative Kräfte fragen mittlerweile offen, ob die Grenzen des Königreichs nicht zu durchlässig seien.

"Illegal hier?"

Die Regierung hat diese Stimmung zum Teil geschürt. Innenministerin Theresa May ließ Kleinlaster durch besonders gemischte Viertel fahren, auf denen stand: "Illegal hier? Fahren Sie nach Hause, oder Sie werden festgenommen." Das wurde auch von legalen Migranten als Provokation empfunden.

Zudem kommen die Einwanderer schon lange nicht mehr nur aus den ehemaligen Kolonien des Empire, sondern aus der EU und vor allem aus Osteuropa. Premierminister David Cameron hat kurz vor Weihnachten im Eilverfahren ein Gesetz durchs Parlament gebracht, das für Einwanderer aus Bulgarien und Rumänien den Anspruch auf Sozialleistungen einschränkt. So oft betonen führende konservative Politiker ihr Vorhaben, die Netto-Immigration drastisch zu senken, dass in der Bevölkerung der Eindruck entstehen muss, die Insel sei schon jetzt überlaufen.

Der Soldatenmord von 2013 mag einerseits zu einer Zunahme an Übergriffen geführt haben. Er hat aber anderseits auch eine Gegenreaktion hervorgerufen: In vielen Gemeinden haben Menschen verschiedenster Konfession und Herkunft demonstrativ zusammen gefeiert. Zu sehen war auf diesen Festen eine bunte Bevölkerung. Und diese Bevölkerung wird größer: Dank der Zuwanderung - und weil die zugewanderten Briten mehr Kinder bekommen - wird Großbritannien 2050 das bevölkerungsreichste Land Europas sein.

Realistisch betrachtet ist davon auszugehen, dass dieser Prozess zu Spannungen führt, die sich immer wieder einmal gewaltsam entladen. Zu hoffen wäre dennoch, dass für das so europaskeptische Königreich das europäische Motto mehr gilt als für sonst ein Land auf den Kontinent: in Vielfalt geeint.

© SZ vom 30.12.2013/cag
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