1968 Der Protest gegen das Autoritäre ist Teil unserer Kultur geworden

68er Bewegung Schüsse auf die Revolution
Attentat auf Rudi Dutschke

Schüsse auf die Revolution

Vor fünfzig Jahren wurde Rudi Dutschke bei einem Attentat in Berlin von drei Kugeln getroffen und lebensgefährlich verletzt. Es war der Anfang vom Ende der Studentenrevolte von 1968.   Von Lars Langenau

Der Protest gegen das Autoritäre ist Teil unserer Kultur geworden. Von den großen Massendemonstrationen bis zu Bürgerbegehren hat sich eine rege Teilnahme und Mitbestimmung in der Demokratie jenseits der Parteien etabliert. Doch über diese großen politischen Themen der 1968er, die öffentlichen Auseinandersetzungen, die globale Politik, wurde bereits viel geschrieben.

Meine Großmutter hat Jack Kerouacs Buch verbrannt

Geschichte Was von 1968 geblieben ist
50 Jahre später

Was von 1968 geblieben ist

War alles umsonst? Die Ideale und Utopien von damals werden aufleben, wenn die Enkel und Urenkel der Achtundsechziger beschließen, die Trumps und Gaulands, die Spießer von heute, nicht mehr auszuhalten.   Kommentar von Heribert Prantl

Der eigentlich große Wandel ist meines Erachtens in der Familie geschehen. Wenn meine Mutter Gretchen von ihrer Beziehung mit ihrer Mutter erzählt, so ist diese stets von Strenge und Gehorsam geprägt. Eine Geschichte ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Meine Mutter hatte das Manifest der Beat-Generation, "On the road" von Jack Kerouac, unter ihrem Bett versteckt, um es nachts mit der Taschenlampe lesen zu können. Aber ihre Mutter hatte das Buch beim Putzen gefunden und es vor den Augen meiner Mutter verbrannt. In ihren Augen, als einer überzeugten Evangelikalen, durfte ihr Kind niemals ein solches Werk lesen.

Diese Geschichte kommt einem heute ungeheuerlich vor, als wäre sie auf einem anderen Planeten passiert. Meine Mutter hat mich nie so behandelt, sie hat mit der Erziehung ihrer Eltern gebrochen.

Meine Kindheit prägten eher Liebe und Laisser-faire. In der Retrospektive wirkt einiges dieser neuen Erziehungsmethoden übertrieben, pädagogisch fragwürdig und etwas anstrengend. Meine Mutter Gretchen hat mir stets viel Freiheit als Person gelassen, doch die Anleitung ist manchmal etwas zu kurz geraten. In meiner Kindheit kann ich mich überhaupt nur an einen einzigen Vorfall erinnern, bei dem mich meine Mutter auf mein Zimmer geschickt hat (ich hatte die Schule geschwänzt). In meinem Bekanntenkreis gelte ich schon als harter Hund, weil ich meine Kinder nicht nur aufs Zimmer schicke, wenn sie etwas verbrochen haben, sondern auch die Tür zuknalle.

Mein Vater hat in der antiautoritären Erziehung schon sehr früh darin einen Weg erkannt, die Gesellschaft voranzubringen. In seinem Abituraufsatz aus dem Jahre 1961 schrieb er: "Die Pflichten des Staatsbürgers sind mit dem Abgeben des Stimmzettels nicht erschöpft [...] Das muss tatsächlich erzogen werden. Die Grundlagen dazu sind uns von Gott mitgegeben. Wir haben die Pflicht, die Anlagen durch Erziehung zur Gesinnung werden zu lassen."

Damit meinte er auch, dass in der Familie die antiautoritäre Gesinnung erzogen werden muss. In einem Tagebucheintrag aus dem Jahr 1969, da lebte die Familie nach dem Attentat in London, beschreibt er, wie diese Erziehung in der Praxis aussah: "Wir haben uns dem sich entwickelnden Kind zu unterwerfen, soll heißen, wir dürfen das Kind nicht mit Hilfe von gesellschaftlichen bedingten Sachzwängen [...] unterdrücken. Hosea drückt schon jetzt proletarischen Klassencharakter aus, weil sein Verhalten immer selbständiger geworden ist; die wohl nun entstandene antiautoritäre Verhaltensweise wird die entscheidende Permanenz der Entwicklung [...] gewährleisten."

Die Familie als Ort, um die antiautoritäre Gesinnung weiterzutragen, war für meinen Vater zentral. Zwar möchte ich mich nicht unbedingt meinen Kindern unterwerfen, aber 1968 hat auch dazu geführt, dass es heute ganz natürlich ist, dass die Familie nicht mehr auf strenger Gehorsamkeit basiert, sondern auf Zuneigung und gemeinsam verbrachter Zeit.

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