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Gaggenau:"Viele der Türken in Gaggenau sind bis heute unter sich geblieben"

Yalcin Imre

Yalcin Imre, 42, ist Fußballblogger.

(Foto: Privat)

Der Fußballblogger und Erdoğan-Kritiker Yalcin Imre ist in der Nähe von Gaggenau aufgewachsen. Im Interview erklärt er, warum AKP-Politiker gerne in das kleine Städtchen kommen und manche seiner Landsleute in ihm einen "Verräter" sehen.

Yalcin Imre, 42, ist Fußballblogger, Deutsch-Türke und kommt aus der Nähe von Gaggenau - jener 30 000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg, die seit Donnerstag für Schlagzeilen sorgt, weil sie dem türkischen Justizminister einen Wahlkampfauftritt untersagte. Der Bürgermeister von Gaggenau erklärte die Absage mit Sicherheits- und Platzbedenken, türkische Politiker halten sie für politisch motiviert.

SZ.de: Herr Imre, bis vor wenigen Tagen kannte kaum jemand Gaggenau. Sie sind in der Nähe aufgewachsen und erst zum Studium weggezogen. Wenn man als Tourist zum ersten Mal nach Gaggenau kommt: Was fällt einem an der Stadt auf?

Imre: Als erstes wohl ein ziemlich vergessener Bahnhof. In der Nähe ist ein Rathaus, eine Fußgängerzone, ein Marktplatz. Gaggenau sieht aus wie viele Kleinstädte in Deutschland. Danach würde Ihnen vielleicht auffallen, dass Sie neben Serbokroatisch sehr viel Türkisch hören. In den 1970er-Jahren sind viele türkische Gastarbeiter in die Umgebung gezogen, auch meine Eltern. Fast alle arbeiten bei Mercedes-Benz, Daimler betreibt dort eine große Fabrik.

Viele würden bei dieser Beschreibung jetzt denken: "Aha, Brennpunkt..."

Nein, das würde ich nicht sagen. Die Leute arbeiten ihre sieben Stunden am Tag in der Fabrik und kommen damit ganz gut über die Runden. Viele fahren einen Mercedes, weil sie dort arbeiten und das gehört dazu: Zu zeigen, für wen man arbeitet.

Auf Twitter haben Sie kürzlich geschrieben, es sei kein Wunder, dass der türkische Justizminister ausgerechnet in Gaggenau auftreten wolle. Warum?

Es heißt immer, die türkischen Politiker kommen nach Deutschland, um Wahlkampf zu machen. Ich glaube das nicht. Niemand wird seine Meinung zum Verfassungsreferendum ändern, weil Bekir Bozdağ da war. Der Minister besucht dort Leute, die eh schon überzeugt sind, die meisten sind AKP-Wähler.

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Viele der Familien sind seit mehr als 30 Jahren in Deutschland. Wieso ist die türkische Politik noch immer so entscheidend?

Viele der Türken in Gaggenau sind bis heute unter sich geblieben. Man spricht Türkisch zu Hause, in der Moschee, auf der Arbeit. Vielleicht ist noch der "Kapo" Deutscher, der Vorarbeiter im Betrieb. Es gibt einige, die dort zur Schule gegangen sind, aber trotzdem Sprachprobleme haben. Das hängt auch mit dem Satellitenfernsehen zusammen. Früher sprachen meine Eltern mit den Nachbarn Deutsch, um sich zu unterhalten. Dann kam die Schüssel und plötzlich verbrachten sie viel Zeit mit türkischen Sendungen. Dadurch bleibt die deutsche Politik weiter weg.

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Das ist nicht einfach zu erklären. Viele der Menschen dort kamen aus der westtürkischen Afyon-Region, sie waren kaum gebildet, dachten traditionell. Sie sind nicht übermäßig religiös, aber die Religion ist Tradition, das hinterfragt man nicht. Ihre Integration ist fehlgeschlagen, da ist auf beiden Seiten viel falsch gelaufen. Und dann kommt Erdoğan, der den Europäern laut und selbstbewusst gegenübertritt, und mit ihm der wirtschaftliche Aufschwung der Türkei. Das hat ihnen Selbstbewusstsein zurückgegeben. Auf sie wirkt Erdoğan nicht provokant, sondern aufrichtig.

Sie schreiben, manche Menschen dort würden Sie als "Schande" oder sogar "Verräter" bezeichnen? Eine Schande für wen und warum?

Weil ich anders gelebt habe als die anderen. Ich habe mich für deutsche Kultur und Geschichte interessiert, ich bin studieren gegangen, statt wie die meisten bei Daimler zu arbeiten. Ich bin kein gläubiger Muslim, und ich kritisiere Erdoğan sehr deutlich.

Gibt es sonst niemanden in Gaggenau, der das tut?

Wenige. Es gibt krude Verschwörungstheorien: die PKK würde in Deutschland Schutzgelder erpressen, so etwas. Rassismus und Nationalismus gibt es dort ebenso wie unter Deutschen. Auch einige Türken fühlen sich von Flüchtlingen bedroht. Sie haben Angst, zu verlieren, was sie sich aufgebaut haben - wirtschaftlich und gesellschaftlich. Ich habe schon Leute sagen hören: "Ich würde die AfD wählen, wenn ich könnte."

Wieso können sie nicht?

Weil viele keinen deutschen Pass haben. Als ich auf dem türkischen Generalkonsulat war, weil ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hatte und meinen türkischen Pass zurückgeben wollte, musste ich mir viele spitze Bemerkungen anhören. So etwas macht man nicht, einmal Türke immer Türke, das ist die Mentalität.

Nach der Absage gab es eine Bombendrohung gegen das Rathaus von Gaggenau. Können Sie sich vorstellen, aus welcher Ecke so etwas kommt?

Nein, das ist wirklich nur noch grotesk. So kenne ich die Leute dort nicht. Viele sind konservativ, aber nicht politisch radikal. Die meisten bleiben eher unter sich.

War die Absage ein Fehler?

Ich finde nicht. Diese Auftritte in Deutschland werden von allen Seiten für ihre Zwecke ausgenutzt. Erst maulen die besorgten Bürger, die CSU und die AfD. Und hinterher, wenn der Auftritt in der angespannten Lage abgesagt wird, maulen die türkischen Politiker: Es gebe in Deutschland keine Redefreiheit. Auch das ist ein Teil des Spiels. Erdoğan legt es darauf an, zu provozieren. Und wenn er dann zurückgewiesen wird, kann er auch das ausschlachten und die Leute stellen sich hinter ihn.

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