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Friedensnobelpreis:Wie einst der Dalai Lama

Vor der Verleihung des Friedensnobelpreises an Liu Xiaobo werden Chinas Proteste immer wütender. Es ist nicht das erste Mal, dass die Entscheidung des Nobel-Komitees heftiger Kritik ausgesetzt ist. Umstrittene Preisträger im Überblick.

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A protester holds an image of to jailed dissident Liu outside of the Chinese Embassy in Oslo

Quelle: REUTERS

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Liu Xiaobo, der diesjährige Friedensnobelpreisträger, kann bei seiner eigenen Zeremonie in Oslo nicht dabei sein. Zwar konnten auch Andrei Sacharow, Lech Walesa und Aung San Suu Kyi aus politischen Gründen nicht zur Verleihung nach Norwegen reisen. Statt ihrer nahmen jedoch ihre Ehepartner beziehungsweise Kinder Medaille und Urkunde in Empfang. Seit es den Friedensnobelpreis gibt, wurden die Entscheidungen des Nobel-Komitees kritisiert. Es liegt in der Natur und der Geschichte des Preises, dass seine Vergabe stets auch als politische Botschaft verstanden wird. Die wird jedoch selten nur positiv aufgenommen - besonders nicht in jenen totalitären Staaten, die mit der Preisvergabe unter Druck geraten. Umstrittene Preisträger im Überblick.

Workers prepare the Nobel Peace Prize laureate exhibition 'I Have No Enemies' for Chinese dissident Liu Xiaobo at the Nobel Peace Center in Oslo

Quelle: REUTERS

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Liu Xiaobo (2010)

Die Bekanntgabe des Preisträgers 2010 löste in seiner Heimat China große Empörung aus. Den Preis an den Regimekritiker Liu Xiaobo zu vergeben, einen "Verbrecher", sei eine Schmähung des Friedensnobelpreises, hieß es aus Peking. Die kommunistische Führung rief die internationale Staatengemeinschaft dazu auf, die Preisverleihung zu boykottieren. Der Preisträger selbst kann die Auszeichnung nicht entgegennehmen: Der Publizist und Menschenrechtler wurde 2008 zu elf Jahren Haft verurteilt. Da seine Frau Liu Xia unter Hausarrest steht, wird es eine Zeremonie des "leeren Stuhls" geben.

Stadt und Uni Oldenburg erinnern an 70. Todestag Carl von Ossietzkys

Quelle: ddp

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Carl von Ossietzky (1935/36)

1936 blieb erstmals der Stuhl in Oslo leer. Der deutsche Publizist und Pazifist Carl von Ossietzky wurde rückwirkend für 1935 ausgezeichnet. Da war Ossietzky bereits seit drei Jahren in Haft - zuerst im Zuchthaus, später im Konzentrationslager Papenburg-Esterwegen. Freunde und Unterstützer des politischen Gefangenen hatten sich für die Vergabe des Preises an Ossietzky eingesetzt, um seine Freilassung zu bewirken. Tatsächlich kam Ossietzky auf internationalen Druck hin 1936 frei, blieb jedoch unter Bewachung der Gestapo. Das Nazi-Regime untersagte es dem Tuberkulose-Kranken und seiner Frau Maud, nach Oslo zu reisen und führte aus Protest gegen den Nobelpreis den "Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft" ein. Das Preisgeld wurde in einer Osloer Bank verwahrt, wo es ein Jahr später ein angeblicher Bevollmächtigter Ossietzkys an sich nahm. Der Betrüger setzte sich jedoch mit dem Geld ab. Seitdem wird der Friedensnobelpreis - samt Preisgeld - nur noch an die Geehrten selbst oder ihre Familien übergeben.

Aung Sang Suu Kyi Back To Work In Burma

Quelle: Getty Images

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Aung San Suu Kyi (1991)

Auch Aung San Suu Kyi konnte den Friedensnobelpreis nicht persönlich entgegennehmen: Als das Komitee ihr den Preis zusprach, stand sie im fernen Birma unter Hausarrest, wegen der Gefährdung staatlicher Sicherheit. Die Politikerin setzt sich seit den achtziger Jahren für demokratische Reformen in ihrem Heimatland ein - sehr zum Missfallen der regierenden Militärjunta. An Aung San Suu Kyis Stelle nahmen ihre Söhne den Preis in Oslo entgegen. Die Widerstandskämpferin fürchtete, dass das Regime in Rangun ihr die Wiedereinreise verwehren würde. Trotz der Gefahr, die sie für die Militärregierung darstellt, und der entsprechenden Repressalien, genoss Aung Saan Su Kyi stets einen gewissen Schutz - durch ihre ungeheure Popularität. Nachdem sie 15 der vergangenen 20 Jahre unter Hausarrest verbracht hatte, wurde sie im November 2010 freigelassen.

Tibet's exiled spiritual leader The Dalai Lama smiles during a ceremony in Toronto

Quelle: REUTERS

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Tendzin Gyatsho - der Dalai Lama (1989)

Die aktuellen Proteste Chinas gegen die Ehrung Liu Xiaobos erinnern viele an seine Auszeichnung: 1989, im Jahr des Massakers auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens, wurde das geistige Oberhaupt der Tibeter mit dem Friedensnobelpreis geehrt. China bekämpft die tibetische Unabhängigkeitsbewegung seit Jahrzehnten und reagierte dementsprechend empört auf die Auszeichnung des Dalai Lama. Peking drohte Norwegen mit einem Wirtschaftsboykott, sollten Politiker oder Mitglieder des norwegischen Königshauses an der Zeremonie teilnehmen. "Seit Adolf Hitler 1935 Wutanfälle wegen der Zuerkennung des Nobelpreises an den Friedenskämpfer Carl von Ossietzky bekam, hat kein Land derart heftig reagiert", sagte der damalige Vorsitzende des Nobel-Komitees.

Jean Henri Dunant

Quelle: Getty Images

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Henri Dunant (1901)

Auch innerhalb des Nobel-Komitees herrscht über die Vergabe des Preises oft Uneinigkeit. Das war schon bei der ersten Entscheidung so -  mag sie aus heutiger Sicht auch fast als selbstverständlich erscheinen: Geehrt wurden der Schweizer Henri Dunant und der Franzose Frédéric Passy, die Vorkämpfer der Genfer Konvention. Die Kritik einiger Komitee-Mitglieder: Mache das Abkommen zum humanitären Völkerrecht, für das Passy und Dunant kämpften, den Krieg nicht im Grunde attraktiver, da sie ihm einen Teil des Horrors nehme?

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Quelle: AP

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Woodrow Wilson (1919)

Der 28. Präsident der Vereinigten Staaten wurde als Vater des Völkerbunds geehrt. Die internationale Organisation gilt als indirekter Vorläufer der Vereinten Nationen. Doch seine Auszeichnung wurde scharf kritisiert: Denn innenpolitisch war Wilsons Wille zur Völkerverständigung weniger ausgeprägt. Er beanspruchte die Überlegenheit der Weißen, verteidigte die Sklaverei und den Ku-Klux-Klan.

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Quelle: AP

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Mahatma Ghandi - die verpasste Ehrung (1948)

Es ist vielleicht der größte Skandal in der Geschichte des Friedensnobelpreises, dass das Komitee die Ehrung des indischen Friedensaktivisten verpasste. Mahatma Gandhi wurde wenige Tage vor der Nominierungsfrist für den Nobelpreis 1948 erschossen. Das Komitee erwägte zunächst, ihm den Preis posthum zuzuerkennen, gab dann aber bekannt, ganz auf die Preisvergabe zu verzichten - weil es keinen "geeigneten lebenden Kandidaten" gebe.

SAMARANCH KISSINGER

Quelle: AP

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Henry Kissinger und Le Duc Tho (1973)

Im Jahr des Waffenstillstandsabkommens zwischen Vietnam und den USA ging der Preis an jene beiden Politiker, die es ausgehandelt hatten: Henry Kissinger, den damaligen Chefunterhändler der Vereinigten Staaten, und den vietnamesischen Politiker Le Duc Tho. Der allerdings verzichtete auf den Preis - mit der Begründung, dass in seinem Land noch immer Krieg herrsche. Das empfand nicht nur der Preisträger so.

File photograph of Palestinian President Arafat, Israel's Perez and Israeli Prime Minister Rabin showing their Nobel Peace Prize in Oslo

Quelle: REUTERS

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Jassir Arafat, Schimon Peres und Jitzhak Rabin (1994)

Für ihre Bemühungen um den israelisch-palästinensischen Friedensprozess erhielten der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde und PLO-Führer Jassir Arafat (links), der frühere israelische Ministerpräsident und jetzige Staatspräsident Schimon Peres (Mitte) und der ehemalige israelische Ministerpräsident und Verteidigungsminister Jitzchak Rabin (rechts) den Friedensnobelpreis. Im Oslo-Abkommen von 1993 hatten sich beide Seiten zum ersten Mal gegenseitig offiziell anerkannt. Insbesondere Arafats Auszeichnung war jedoch sehr umstritten - hatte der Palästinenserführer doch die Fatah mitbegründet, jene Organisation, die mit blutigen Anschlägen gegen Israel und für die palästinensische Unabhängigkeit gekämpft hatte. Auch der Friedensnobelpreis konnte die Friedensgespräche schließlich nicht vor dem Scheitern bewahren: 2000 begann die Zweite Intifada, und bis heute blieben Friedensgespräche zwischen Israel und den Palästinensern ohne nennenswerten Erfolg.

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Quelle: AFP

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Barack Obama (2009)

Auch für die Entscheidung im vergangenen Jahr wurde das Nobel-Komitee kritisiert: US-Präsident Barack Obama erhielt die Auszeichnung "für seine außerordentlichen Bemühungen, die internationale Diplomatie und die Zusammenarbeit der Völker zu stärken". "Welche Bemühungen?", fragten Kritiker, denn Obama war zur Bekanntgabe aus Oslo gerade einmal ein dreiviertel Jahr im Amt. Auch innerhalb des Komitees soll die Entscheidung für den US-Präsidenten umstritten gewesen sein.

© sueddeutsche.de/Lena Jakat/gba

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