Frankreich Jean-Marie Le Pen aus dem Front National ausgeschlossen

Vom Hof gejagt: Parteigründer Jean-Marie Le Pen ist aus dem Front National geworfen worden.

(Foto: REUTERS)
  • Front-National-Gründer Jean-Marie ist wegen "schwerer Verfehlungen" endgültig aus der rechtsextremen Partei ausgeschlossen worden.
  • Zwischen ihm und der jetzigen FN-Chefin Marine Le Pen, seiner Tochter, tobt seit Monaten ein erbitterter Kampf um die Partei.
Von Stefan Ulrich

Sie haben vieles gemeinsam, Herkunft, Familienname, demagogisches Geschick und eine beeindruckende Sturköpfigkeit. Letztere führt dazu, dass sich Marine Le Pen, die Vorsitzende des französischen Front National, und Jean-Marie Le Pen, der Parteigründer und Ehrenvorsitzende, seit Monaten bekriegen. Die Tochter möchte den Vater aus der radikalen Partei werfen, doch der "Menhir" (vulgo: Hinkelstein), wie er genannt wird, weigert sich zu weichen.

Drei Mal siegte er im Juli vor Gericht, weil Marine Le Pens Versuche, ihm die Ehrenpräsidentschaft zu entreißen und seine Parteimitgliedschaft zu suspendieren, mit Formfehlern behaftet waren. Nun hat sie einen Schlussstrich gezogen. Dazu bestellte Marine Le Pen den Vater am Donnerstag per Gerichtsvollzieher vor das Exekutivbüro des Front National. Am Abend erreichte sie ihr Ziel: Jean-Marie wurde wegen "schwerer Verfehlungen" endgültig aus der Partei ausgeschlossen.

Die Anklagepunkte, welche die Tochter vorbereitet hatte, haben es in sich. Der gewichtigste: Jean-Marie Le Pen hat im Frühjahr zum wiederholten Mal die Gaskammern der Nazis als "Detail der Geschichte des Zweiten Weltkriegs" bezeichnet und damit die Versuche Marines konterkariert, den Front National aus der antisemitischen Ecke zu führen und zu "entdämonisieren".

Front National Wie der Front National eine "normale" Partei wurde
Frankreich

Wie der Front National eine "normale" Partei wurde

Vor 45 Jahren gründet ein Haufen rechter Spinner eine Partei. Im Mai könnte die Chefin des Front National Frankreichs Präsidentin werden. Wie ist es so weit gekommen?   Von Lilith Volkert

Außerdem verteidigte der Ehrenpräsident den einst mit den Nazi-Besatzern kollaborierenden Chef des Vichy-Regimes, Philippe Pétain. Dieser sei weder ein Verräter noch ein schlechter Franzose gewesen. Und dann hat Jean-Marie Le Pen auch noch mehrere hohe Parteiführer öffentlich angegriffen, darunter die eigene Tochter. "Ich schäme mich dafür, dass sie meinen Namen trägt", sagte er.

Der erbitterte Disput hat eine ideologische Quelle, ist inzwischen aber auch sehr persönlich geworden. Als der Vater im Jahr 2011 nach fast 40 Jahren an der Parteispitze die Präsidentschaft der Tochter überließ, glaubten viele noch an ein Doppelspiel: Jean-Marie würde weiterhin die alten Antisemiten, Rechtsextremisten, Kolonialnostalgiker und Ultra-Nationalisten bedienen, während Marine junge und gemäßigtere Wähler anlocken könnte.

Tatsächlich leitete die neue Parteichefin einen Kurswechsel ein. Sie warf den Antisemitismus über Bord, wies einige besonders radikale Kader aus der Partei und zeigte sich offener gegenüber nicht-weißen Franzosen.

Vor allem aber vollzog sie einen Schwenk in der Wirtschaftspolitik. Hatte der Vater noch eher liberale bis neoliberale Vorstellungen, sprach sie sich nun für eine starke Einmischung des Staates in die Wirtschaft und sozialistische Ansätze aus. Die Schuld für die schlechte wirtschaftliche Lage und die innere Verunsicherung Frankreichs wies sie der Europäischen Union und dem Euro zu, den sie schnellstmöglich loswerden möchte.

Ist es die Eifersucht des Alten?

Marine Le Pen hatte in diesen Krisenzeiten schnell Erfolg bei Wahlen und in Umfragen. Meinungsforscher sehen sie im Hinblick auf die erste Runde der Präsidentschaftswahl 2017 öfters an erster Stelle. So viel Erfolg hat der Vater nie gehabt, auch wenn er es einmal, 2002, in die Stichwahl um die Präsidentschaft schaffte.

Ist es Eifersucht des Alten? Oder ärgert er sich, weil sich die Tochter demonstrativ von einigen seiner ideologischen Positionen absetzt? Von Doppelspiel kann jedenfalls kaum mehr die Rede sein. Der Streit ist ernst. Und er dürfte auch noch nach der Sitzung vom Donnerstag weitergehen.

Jean-Marie Le Pen, der für den Front National im Europaparlament sitzt, hat jedenfalls schon angekündigt, er werde weiterkämpfen. Seine Tochter handle "niederträchtig und einer Präsidentschaftskandidatin unwürdig". Sie wolle ihm die Meinungsfreiheit nehmen. Einer seiner Anwälte drohte bereits damit, gegen die Entscheidung des Exekutivbüros erneut vor Gericht zu ziehen.

Marine Le Pen weiß zwar die meisten Mitglieder und Funktionäre des Front auf ihrer Seite, doch ihr Vater verfügt noch über genügend Anhänger, um ihre Pläne zu stören. So liebäugelt er damit, bei den Regionalwahlen im Dezember, bei denen die Tochter eine gute Basis für die Präsidentschaftswahl legen will, höchstpersönlich mit einer Konkurrenzliste zum Front National anzutreten - und zwar in der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur. Sollte er diese Drohung wahrmachen, wird Jean-Marie Le Pen noch mit einem anderen Familienmitglied Krach bekommen: Seine Enkelin Marion Maréchal-Le Pen tritt dort für den Front an.