Frankreich in der Krise Deutschland als Vorbild

Der Wahlkampf in Frankreich wird sich vor allem um Wirtschaftsfragen drehen. Das ist keine gute Nachricht für Präsident Sarkozy: Gegen Ende seiner ersten Amtszeit sind eine Million Menschen mehr ohne Job als davor. Nun suchen die Franzosen nach einem Rezept, um aus der Krise zu finden - und blicken mit Bewunderung nach Deutschland.

Von Jeanne Rubner

Ein paar Tage hat auch die grande déprime, die große Niedergeschlagenheit, Ferien gemacht. Das Weihnachtsfest bot vielen Franzosen eine willkommene Abwechslung vom Grübeln über ihre Zukunft. Sogar die Händler waren zufrieden über das Geschäft mit foie gras und bûches, den traditionellen Weihnachtskuchen in Form eines Baumstamms. Der Umsatz war ordentlich. Doch schon am Montag kam erneut eine Hiobsbotschaft, diesmal aus dem Arbeitsministerium. 4.244.800 Franzosen suchen einen Job - 5,6 Prozent mehr als im Vorjahr. Seit 1999 waren nicht mehr so viele Menschen arbeitslos.

Die deutsche Wirtschaftspolitik wird von vielen Franzosen als Vorbild beim Umgang mit Rezession und Arbeitslosigkeit betrachtet.

(Foto: dpa)

Nicolas Sarkozy hat nicht lange gefackelt und für den 18. Januar Unternehmen und Gewerkschaften zu einem "Arbeitsgipfel" geladen. Für den Präsidenten kommen die miesen Wirtschaftsdaten so kurz vor der Wahl zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt und schon fast einer persönlichen Niederlage gleich. Denn 2007 hatte Sarkozy den Wählern versprochen, für mehr Wirtschaftswachstum und Beschäftigung zu sorgen.

Dass nun gegen Ende seiner ersten Amtszeit eine Million Menschen mehr ohne Job sind als davor, ist keine Werbung für ihn - und ein gefundenes Fressen für die Opposition. Die Sozialisten haben bereits Arbeitsbeschaffungsprogramme versprochen, der Front National verlangt mehr Protektionismus. So viel ist klar: Der Wahlkampf wird sich vor allem um Wirtschaftsfragen drehen.

Für Sarkozy und die konservative UMP wird die Lage brenzlig. Mit einer Erholung kann das Regierungslager nicht mehr rechtzeitig vor der Wahl rechnen. Für das vierte Quartal 2011 hat das nationale Statistik-Institut schon Mitte Dezember offiziell die Rezession ausgerufen und ein Schrumpfen der Wirtschaft um 0,2 Prozent geschätzt. Mit einer Prognose von minus 0,1 Prozent sieht es für das erste Quartal 2012 kaum besser aus. Wenn überhaupt, wird sich die Konjunktur im Frühjahr nur ganz leicht erholen, so die amtlichen Statistiker aus Paris. Beim Club der Industrienationen (OECD) und der EU-Kommission sehen die Prognosen ähnlich aus. Dass im kommenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von einem Prozent erreicht wird, wie die Regierung es noch vor kurzem vorhergesagt hatte, gilt längst als utopisch.

Neidvoller Blick Richtung Deutschland

Vielmehr wird die Entlassungswelle des Jahres 2011 sich fortsetzen. Vor einer sozialen Krise warnt das Magazin Le Nouvel Observateur und rechnet vor: 62.000 gestrichene Stellen im Staatsdienst innerhalb dieses und nächsten Jahres, 4200 Jobs weniger bei Peugeot, fast 2000 Stellen weniger bei den drei größten Banken. Ob und wie dieser Trend zu stoppen ist, wird Thema des Gipfels sein.

Seit längerem gilt Deutschland in dieser Hinsicht als Vorbild; die Berliner Wirtschaftspolitik registriert man in Frankreich stets mit einer Mischung aus Bewunderung und Neid. Immer wieder wird die Agenda 2010 von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder erwähnt, ebenso der chômage partiel, die Kurzarbeit, die Deutschland über die Krisenjahre 2008/2009 gerettet habe.

Ob das in Frankreich gelingt, ist fraglich. Schließlich regiert eine konservative Regierung, und das Modell der Mitbestimmung ist weitaus weniger entwickelt als in Deutschland. Die Gewerkschaften bereiten sich auf Konfrontationen vor. Und die Stimmung dürfte düster bleiben.

Nach einer neuen internationalen Studie des Meinungsinstituts BVA-Gallup sind die Franzosen die größten Pessimisten überhaupt. Denn für viele sind die Trentes Glorieuses noch sehr präsent, die 30 Jahre der Prosperität nach dem Zweiten Weltkrieg. Studienleiterin Céline Bracq fasst die Ergebnisse so zusammen: Die Franzosen ahnten, dass das Modell des vorsorgenden Staates ausgedient habe - ohne aber zu wissen, wozu ihre Opfer gut sein werden.