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Foltervorwurf:Palästinenser stirbt in israelischer Haft

Nach dem Tod des palästinensischen Häftlings Dscharadat

Aufgebrachte Palästinenser betrauern den Tod von Arafat Dscharadat, der in einem israelischen Gefängnis starb.

(Foto: dpa)

Arafat Dscharadat saß in einem israelischen Gefängnis, dort ist er gestorben. Nach der Familie des Toten spricht nun auch ein palästinensischer Pathologe von Folter als Todesursache. Die Lage ist angespannt, 4500 palästinensische Häftlinge traten in den Hungerstreit, im Westjordanland kam es zu Ausschreitungen.

Der Tod eines Palästinensers in israelischer Haft hat zu gewaltsamen Protesten im Westjordanland geführt. Palästinenser griffen am Sonntag israelische Soldaten mit Steinen an, die ihrerseits nach Angaben von Augenzeugen Tränengas einsetzten. Während Israels Regierungschef Benjamin Netanjahu zur Ruhe aufrief und palästinensische Gelder freigab, traten 4500 palästinensische Gefangene in Israel in einen eintägigen Hungerstreik.

Nach Angaben des Chef-Pathologen der Palästinensischen Autonomiebehörde ist der 30-jährige Arafat Dscharadat in Ramallah an den Folgen "extremer Folter" gestorben. Saber Alul äußerte sich, nachdem er einer Autopsie israelischer Experten des am Vortag gestorbenen Arafat Dscharadat beigewohnt hatte. Von israelischer Seite hieß es, die Todesursache stehe noch nicht fest.

"Die ersten Ergebnisse lassen noch keine Angaben zu. Die Todesursache kann erst ermittelt werden, wenn die mikroskopischen und toxikologischen Befunde vorliegen", teilte das israelische Gesundheitsministerium mit. Nicht auszuschließen sei, dass kleinere äußere Verletzungen die Folge von Wiederbelebungsversuchen seien. "Die Untersuchung ist kompliziert und wird Zeit in Anspruch nehmen", sagte Polizeisprecher Mickey Rosenfeld auf Anfrage.

Eine Sprecherin der israelischen Gefängnisbehörde hatte zuvor mitgeteilt, Dscharadat sei im Gefängnis Megiddo in Nordisrael am Samstag "plötzlich" verstorben - "vermutlich an Herzstillstand". Der Inlandsgeheimdienst Schin Beth, der den 30-Jährigen verhörte, wies jede Verantwortung von sich: Dem Gefangenen sei nach dem Mittagessen schlecht geworden. Zu Hilfe gerufene Ärzte hätten ihn nicht mehr retten können.

Von palästinensischer Seite wurde dagegen gemutmaßt, Dscharadat sei während der Verhöre getötet worden. Der palästinensische Regierungschef Salam Fajad hatte Israel aufgefordert, die "wirklichen Gründe" für den Tod des Häftlings offenzulegen.

Dscharadat, der aus einem Dorf bei Hebron stammt, war am 18. Februar festgenommen worden. Er soll Steine auf israelische Zivilisten geworfen haben. In seinem Heimatort protestierten Palästinenser am Sonntag gewaltsam gegen die "Ermordung" des 30-jährigen Vaters zweier Kinder. Israelische Sicherheitskräfte gingen nach Angaben von Augenzeugen mit Tränengas und Blendgranaten gegen die Demonstranten vor.

Palästinensische Gefangene im Hungerstreik

Erst am Freitagabend waren im Westjordanland bei Zusammenstößen mit israelischen Sicherheitskräften hundert palästinensische Demonstranten verletzt worden. Angesichts der gewaltsamen Proteste rief Israel die palästinensische Autonomiebehörde "nachdrücklich" auf, den Demonstrationen ein Ende zu bereiten. Offenbar um die Lage zu beruhigen, entschied Regierungschef Benjamin Netanjahu zugleich, dass bisher zurückgehaltene und eigentlich den Palästinensern bereits im Januar zustehende Gelder an die Autonomiebehörde ausgezahlt werden sollen. Bei den Geldern handelt es sich um Zölle und Steuern, die Israel für die Palästinenser eintreibt.

Die Solidaritätsbewegung für Palästinenser in israelischen Gefängnissen hat seit Beginn des Monats massiv zugenommen. Sie gilt insbesondere vier Palästinensern, die sich seit mehreren Monaten im Hungerstreik befinden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hatte sich vor knapp einer Woche besorgt geäußert und gefordert, dass die Häftlinge vor Gericht gestellt oder freigelassen werden müssten.

Nach dem Tod Dscharadats schlossen sich nach Angaben der palästinensischen Gefangenenorganisation mit Sitz in Ramallah weitere sieben Häftlinge dem langfristigen Hungerstreik an. Zudem traten nach Angaben der israelischen Strafvollzugsbehörde tausende palästinensische Gefangene für einen Tag in den Hungerstreik. Zur Beteiligung sagte eine Sprecherin: "Es sind 4500, also fast alle."

© Süddeutsche.de/AFP/dpa/sks
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