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Flüchtlingsmädchen Reem und die Kanzlerin:Ein Argument, das wütend macht

Ein Argument aber, das Merkel in der kurzen Debatte mit Reem aufgebracht hat, macht wirklich wütend. Dass nämlich Deutschland nicht in der Lage sei, alle Flüchtlinge aufzunehmen, die es im Nahen Osten gebe. Zum einen: Das verlangt auch niemand. Zum anderen: Deutschland leistet längst nicht so viel wie andere EU-Staaten.

Pro 1000 Einwohner haben in Deutschland 2013 im Schnitt nur 3,5 Flüchtlinge einen Asylantrag gestellt. In Schweden waren es dagegen 5,7 Flüchtlinge, im kleinen Malta 5,3. In Europa liegt Deutschland nur auf Platz neun. Das sind übrigens Zahlen der Bundesregierung. Wer sich darüber hinaus ansieht, mit welchen Flüchtlingsmassen es die Nachbarsstaaten der Bürgerkriegsländer wie Syrien zu tun haben, der kann nur zu dem Schluss kommen: Deutschland hat da immer noch ein Luxusproblem.

Ein wenig Besserung gab es ja. Die Residenzpflicht wurde weitgehend aufgehoben. Asylbewerbern wurde der Weg in den Arbeitsmarkt erleichtert. Alles gut und richtig. Aber längst nicht genug. Der Arbeitsmarkt muss komplett offen sein. Wer Angst schürt, Flüchtlinge könnten Bundesbürgern Arbeitsplätze wegnehmen, sollte sich lieber Gedanken darüber machen, wie die Bildungsgerechtigkeit hierzulande verbessert werden kann.

Die Debatten gerade in Merkels CDU aber laufen in eine gänzlich andere Richtung. Statt Chancen werden dort absurde Risiko-Szenarien entwickelt. Dafür müssen sogar Selbstverständlichkeiten wie eine angemessene Gesundheitsversorgung für Asylbewerber herhalten.

Reem sollte keine Angst haben müssen

Eine der Krankenkassenkarte ähnliche Gesundheitskarte für Asylbewerber könnte helfen, dass Flüchtlinge zum Arzt gehen können, wenn es nötig ist. Für manche in der CDU aber wäre das praktisch eine Einladung an Flüchtlinge, nach Deutschland zu kommen. Das dürfe es nicht geben. So erklärte es etwa der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Thomas Strobl. Das ist übrigens der, der Anfang der Woche meinte: "Der Grieche hat jetzt lang genug genervt."

Nein, Merkel hätte Reem nicht anbieten müssen, sie und ihre Familie bei sich zu Hause aufzunehmen. Aber Merkel hätte lernen können, dass Flüchtlinge, aus welchen Gründen auch immer sie nach Deutschland kommen, für Deutschland ein Gewinn sind.

Wer Asylgründe hat, soll Asyl bekommen. Wer der wirtschaftlichen Not entfliehen muss, vor Armut und Hunger, oder einfach nur ein besseres Leben sucht, für den muss ein großzügiges Einwanderungsgesetz geschaffen werden. So großzügig jedenfalls, dass ein Mädchen wie Reem und ihre Familie keine Angst mehr haben müssen, abgeschoben zu werden.

© Süddeutsche.de/gal/jobr
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