Flüchtlingskrise "Super macht's ihr das, uns braucht ihr eh nicht, gell"

Auch am Westbahnhof prangt ein FPÖ-Plakat, die freiwilligen Helferinnen ignorieren Parteichef Heinz-Christian Strache und seine eisblauen Augen allerdings. Die 21-jährige Studentin Mana Samadzadeh und ihre Kolleginnen sind auch so schon wütend genug. Auf die Polizei, die einen der ihren wegen illegalen Spendensammelns angezeigt habe (die Polizei reagierte am Mittwoch auf eine Nachfrage von SZ.de nicht). Auf die Österreichischen Bundesbahnen, die sie mit ihrem Stand vom Bahnhofsgelände vertrieben hätten. Hierher, wo sie kaum zu finden seien. Sicherheitsmaßnahmen, erklärt eine ÖBB-Sprecherin: Wegen des Stands seien zu viele Personen zu nah an den Gleisen gestanden.

Und vor allem sind die Helferinnen wütend auf die Politiker vom Bundespräsidenten abwärts, die sich zu Beginn der Krise beim Helfen am Bahnhof fotografieren ließen. "Der Bundespräsident war nach zehn Minuten wieder weg", sagt Samadzadeh, "und einer von den Grünen hat mir auf die Schulter geklopft und gesagt: Super macht's ihr das, uns braucht ihr eh nicht, gell."

Anders als am Westbahnhof klappt die Zusammenarbeit mit ÖBB und Polizei am Hauptbahnhof offenbar sehr gut. Das sagt zumindest Ashley Winkler, Jeanshemd, Nasenpiercing, platinblonde Haare. Die Grafikdesignerin und Bloggerin ist seit zwei Wochen hier im Dauereinsatz. Sie hilft, die Helfer zu koordinieren. Das Kernteam hier bestehe aus 60 bis 80 Leuten, sagt Winkler, aber auf der Liste der abrufbereiten Helfer stünden mittlerweile 1700 Namen.

Am Hauptbahnhof gibt es inzwischen einen Schlafraum für 150 Menschen, zwei Essensausgaben, ein Lazarett, für die Helfer Walkie-Talkies und ein Supervisionsangebot. In den ersten zwei Septemberwochen kamen pro Tag zwischen 1000 und 3000 Flüchtlinge am Hauptbahnhof an, zeigt ein Plakat an der rohen Betonwand der provisorischen Einsatzzentrale, in der Winkler sitzt. Am Montag, Tag eins der deutschen Grenzkontrollen, waren es 5300.

An den Bahnsteigen gibt es Gesichtskontrollen

Die Bilder, die Geräusche, die Gerüche am Hauptbahnhof gleichen denen am Westbahnhof und im Dusika-Stadion. Auf dem Boden sitzende, wartende Flüchtlinge. Mit Filzstift beschriftete Pappschilder, die mehrsprachig und mit Hilfe von Strichmännchen den Weg zu den Klos, zur Essens- und zur Kleiderausgabe weisen und den Flüchtlingen erklären, dass das Leitungswasser in Wien trinkbar ist. Helfer, meist jung, auf der Brust Schildchen mit ihren Vornamen, am Rücken Zettel mit ihren Sprachkenntnissen.

Der Zettel auf Delawar Khans Rücken ist besonders lang: "Urdu Hindi Farsi Dari Pashtu", steht darauf. Delawar Khan ist 18. Mit 15 kam er alleine aus Afghanistan nach Österreich. Mittlerweile spricht er gut Deutsch. Seine eigene Geschichte wirft zugleich ein Schlaglicht auf die Frage, wie es für die Neuankömmlinge weitergehen soll: Delawar Khan hat hier seinen Hauptschulabschluss gemacht, aber er darf weder eine Lehrstelle noch einen Job annehmen - denn auch mehr als drei Jahre nach seiner Ankunft hat die Republik noch nicht entschieden, ob er bleiben darf.

Am Westbahnhof kämpfen Mana Samadzadeh und ihre Kolleginnen derweil mit der Informationslage. Flüchtlinge wollen wissen, wann die nächsten Züge fahren. "There are no trains", müssen die jungen Frauen antworten. Der Versuch der deutschen Regierung, durch die Grenzkontrollen die anderen EU-Länder zur Übernahme von mehr Verantwortung zu zwingen, ist für Samadzadeh gründlich schiefgegangen: "Jetzt machen alle die Grenzen zu."

Österreich kontrolliert seit Mittwoch an den östlichen und südlichen Landesgrenzen, und selbst innerhalb der Republik werden Grenzen hochgezogen. Oben am Zugang zu den Bahnsteigen gibt es am Mittwochnachmittag Gesichtskontrollen. In die Züge nach Salzburg darf nur, wer nicht nach Asylbewerber aussieht - weil in Salzburg bereits so viele Flüchtlinge seien, sagt ein Mitarbeiter der privaten Westbahn.

Was also hat sich durch die Grenzkontrollen verändert? "Dass niemand mehr eine Ahnung hat, was gerade passiert", sagt Mana Samadzadeh. "Niemand weiß, was in einer Woche ist", sagt Roland Haller, der Leiter des Notquartiers im Dusika-Stadion. Die Situation sei "einigermaßen herausfordernd", sagt der Sprecher des Innenministeriums: "Wir können nicht planen, nur reagieren."