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Finanzmärkte:Waffe mit Rückstoß

China besitzt US-Staatsanleihen in Höhe von 1,1 Billionen Dollar - damit könnte Präsident Xi Jinping den Vereinigten Staaten den Kredithahn zudrehen. So aber würde er auch seinem eigenen Land massiven Schaden zufügen.

Wenn Finanzexperten einem Laienpublikum verdeutlichen wollen, welch ungeheure politische Wucht sich in ihrer Welt entwickeln kann, greifen sie gerne zum Wortschatz des Militärs. Aus hochriskanten Wertpapieren werden dann "Massenvernichtungswaffen", aus einem Milliardenprogramm zur Euro-Rettung die "big bazooka" oder die "dicke Bertha".

In den Vereinigten Staaten macht derzeit ein neuer Begriff die Runde: die "nukleare Option". Gemeint ist, dass China Washington im laufenden Handelsstreit jederzeit den Kredithahn zudrehen könnte, denn die Volksrepublik besitzt amerikanische Staatsanleihen im Wert von unfassbaren 1,1 Billionen Dollar. Sie ist damit hinter der US-Notenbank der zweitgrößte Gläubiger Washingtons. Ob Präsident Donald Trump finanziell handlungsfähig bleibt, entscheidet damit nicht zuletzt sein chinesischer Kollege Xi Jinping.

Staaten finanzieren sich für gewöhnlich aus Steuern und Abgaben. Die meisten Regierungen jedoch müssen zusätzlich die Finanzmärkte anpumpen, indem sie Anleihen an Banken, Kleinsparer und andere Staaten verkaufen. Die Papiere, auch Bonds genannt, sind je nach Laufzeit unterschiedlich hoch verzinst und können vom Erwerber weiterveräußert werden. Allein die USA müssen zur Deckung ihres Haushaltsdefizits Anleihen im Wert von rund 80 Milliarden Dollar ausgeben - pro Monat. Insgesamt schuldet die US-Regierung ihren Gläubigern in aller Welt so rund 16,2 Billionen Dollar.

Sollten die Chinesen nun als Käufer ausfallen oder gar ihren bisherigen Bestand auf den Markt werfen, würde dies weltweit ein finanzielles Erdbeben auslösen. Die Kurse der US-Anleihen fielen in den Keller, gleichzeitig schössen die Risikoaufschläge in die Höhe: Die USA müssten also bei der nächsten Auktion deutlich höhere Zinssätze anbieten, um genügend Bond-Käufer zu finden. Auch die Zinsen für Firmen-, Privat- und Hausbaukredite, die sich an den Anleihesätzen orientieren, würden steigen. Sollten die Chinesen die eingenommenen Dollar-Summen in andere Währungen umtauschen, in Euro etwa, würde zugleich der Kurs des Dollar absacken. Das würde die Inflationsgefahr in den USA erhöhen und die Exportwirtschaft in Europa belasten. Der weltweite Konjunkturschaden wäre am Ende noch viel größer als der, den Trump und Xi durch die dauernde Verhängung von Zöllen bereits angerichtet haben.

Präsident Xi Jinping hat die Möglichkeit bisher nicht genutzt - aus gutem Grund

Dass China überhaupt so viele US-Anleihen besitzt, liegt daran, dass das Land seit Jahrzehnten mehr in alle Welt exportiert als von dort importiert. So sind gewaltige Devisenreserven im Wert von umgerechnet gut drei Billionen Dollar aufgelaufen - ein großer Teil davon in US-Währung. Um das Geld gewinnbringend anzulegen, wählte Peking die nächstliegende Option: US-Staatspapiere. Sie gelten als sicheres Investment und werfen zugleich deutlich mehr ab als Bonds vergleichbarer Länder wie Deutschland und Japan.

Warum aber hat Xi die "nukleare Option" bisher nicht genutzt, um Trump und dessen Zollpolitik Einhalt zu gebieten? Die Antwort ist, dass China mit groß angelegten Anleiheverkäufen nicht nur den USA, sondern auch sich selbst massiv schaden würde. Durch die sinkenden Kurse verlören auch die Papiere, die im Pekinger Depot verblieben, massiv an Wert, zugleich geriete die eigene Währung, der Yuan, unter starken Aufwertungsdruck. Peking müsste diese Aufwertung entweder zulassen, was allerdings Exporte in die USA verteuern würde, oder aber Dollar kaufen, um den Kurs des Yuan zu verteidigen. Zudem hätte ein wirtschaftlicher Einbruch in den USA auch massive Rückwirkungen auf die Konjunktur in China.

Und noch ein Umstand hält Xi wohl zurück. Ein Dollar-Absturz würde US-Exporte nach China spürbar verbilligen und Importe verteuern. Das US-Handelsdefizit gegenüber dem Rivalen würde so womöglich ausradiert - für Trump der ultimative Triumph, der ihm im nächsten Jahr die Wiederwahl sichern könnte. Das aber wäre, wirtschaftspolitisch gesprochen, für China tatsächlich der nukleare Ernstfall.