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FDP:"Selbstverständlich ist die FDP bereit, in die Verantwortung zu gehen"

Dazu passend spielt Lindner mit immer neuen Schlagwörtern, um der FDP, seiner FDP, ein frisches, reformerisches Image zu geben. Vom "Tempomacher" spricht er am Montag besonders gerne, dem "Tempomacher", der erst die CDU an Rhein und Ruhr zu mehr Mut und Schärfe getrieben habe und das Gleiche - leider, leider - von nun an auch im Bund tun müsse. Seine "Sorge" nämlich sei es, dass die Partei von Angela Merkel nach den jüngsten Erfolgen "jede Ambition und jedes Ziel" fahren lassen werde. Eine Sorge ist das, die Lindner nur deshalb öffentlich so sehr beschwört, weil sie ihm die Rolle garantiert, die er unbedingt haben möchte: die des Antreibers und - genau! - die des "Tempomachers". Das will er sein; das will er bleiben. Wenn da bloß nicht dieser Wahlsieg gekommen wäre.

Denn was allgemein natürlich wie ein großer Erfolg aussieht, hat für Lindner einen Haken. Einen, der ziemlich vergiftet daherkommt. Denn der Sieg ist, kurz gefasst, zu groß ausgefallen, um als FDP einfach weiterzufeiern. Plötzlich ist Schwarz-Gelb möglich, es ist nicht mehr irgendwas Schräges und Schwieriges und leicht Ablehnbares wie die Ampel. Nein, zur Überraschung aller reicht es für ein Bündnis mit den Christdemokraten. Und jetzt muss Christian Lindner erklären, warum er an Rhein und Ruhr zwar Fraktionschef und Vorsitzender und Spitzenkandidat ist, aber am Ende trotzdem nach Berlin möchte.

Als er gefragt wird, ob es nicht auch für ihn selbst merkwürdig aussehe, wenn ein Spitzenkandidat zwar möglicherweise eine Koalition aushandele, aber dann weiter nach Berlin ziehe, fühlt sich Lindner bemüßigt zu erklären, nein, nein, er ziehe es "in jedem Fall" vor, "einflussloser Abgeordneter der Opposition im Bundestag zu sein als stellvertretender Ministerpräsident in Düsseldorf". So forsch, klar, zugespitzt ist er an keiner anderen Stelle. Als ob er jeden noch so kleinen Zweifel sofort beerdigen müsste. Was erst recht das Gefühl auslöst, dass auch ihn die Frage besonders umtreibt.

Dabei hat er recht, wenn er daran erinnert, dass seine Doppelstrategie immer bekannt war. Richtig ist nur auch, dass diese Strategie entworfen wurde, als in Düsseldorf auch Lindner davon ausging, dass die FDP eine starke Opposition, aber eben eine Opposition bleiben würde. Jetzt ist ein Platz in der Regierung möglich, das kann schon mal die Perspektiven verändern.

Lindner weiß das, er spürt es an diesem Morgen. Und will auf alle Fälle staatsmännisch wirken. "Selbstverständlich ist die FDP bereit, in die Verantwortung zu gehen", sagt er, mehr als einmal. Es gebe keinen besseren Schub für die Bundestagswahl, als in Düsseldorf einen "echten Politikwechsel" durchzusetzen. Eines aber müsse jeder wissen: Ein Bündnis werde es nur geben, wenn die FDP sich mit zentralen Forderungen in der Wirtschafts- und Bildungspolitik durchsetze. Das Trauma von 2009 hat Lindner nie vergessen. In Berlin spricht er es selbst an, um sich und allen anderen zu versichern, dass so was nie wieder passieren wird. Damals hatte die FDP ein Rekordergebnis erzielt, in den Koalitionsverhandlungen ihr Hauptziel Steuersenkungen nicht durchgesetzt - und war anschließend abgestürzt.

Und was, wenn es am Ende doch nicht reicht für den Bundestag im September? Als er die FDP 2013 übernahm, hatte Lindner betont, dass es das dann für ihn gewesen sei mit der Politik. Am Montag will er das nicht wiederholen. Zu gut ist das Gefühl, das Ziel aller Ziele vor Augen zu haben. Zweifel stören da nur.

© SZ vom 16.05.2017
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