Extremisten in der Ukraine:Abgeordnete fürchten Prügel

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In Kiew wiederum fürchten sich mittlerweile Parlamentsabgeordnete der alten Janukowitsch-Partei, der Partei der Regionen, wenn sie nicht für demokratische Reformen stimmen: Der eine oder andere wurde schon vor der Werchowna Rada von aufgebrachten Ultras verprügelt, landete in einem Müllcontainer oder wurde mit faulem Gemüse beworfen.

Der Pravij Sektor, eine ultranationalistische Bewegung, die seit dem Frühjahr auch als Partei organisiert ist, kommt derzeit in Umfragen gerade mal auf ein Prozent. Doch den Russen Skoropadskij, der schon vor langer Zeit beschloss, dass "Russland keine Zukunft hat" und als Journalist für eine ukrainische Zeitung arbeitete, ficht das nicht an.

Die Zeit komme, in der sich "das Volk" der Bewegung für eine einige, starke, reiche, unabhängige Ukraine mit nur einer Sprache und nur einer Kirche anschließen werde. Dann, wenn der Frust nach einem kalten Winter und einer gegenüber Russland ohnmächtigen Kiewer Führung übermächtig geworden sei.

Aber keine Angst, sagt Skoropadskij zutraulich: Der Pravij Sektor sei für Europa, wenn auch nicht für eine EU-Mitgliedschaft. Für Toleranz, wenngleich gegen die Homo-Ehe und Frauen als Priester, vor allem aber: Der Pravij Sektor stehe für einen "kompletten Wandel in der Ukraine. Neue Gesichter, neue, saubere Eliten, ein komplett neues System."

Viel konkreter wird der kleinwüchsige Mann im himmelblauen Sweatshirt nicht, nur so viel: Seine Ultranationalisten unter ihrem Anführer Dmitri Jarosch seien radikale Nationalisten. "Aber wir sind keine Antisemiten und keine Faschisten."

Skoropadskij ist bei weitem nicht der einzige Russe, der sich auf die Seite der Ukraine geschlagen hat und bei dem die Grenzen zwischen Nationalismus und Rechtsradikalismus fließend sind.

Jaroslaw Babitsch ist Chef des Mobilisierungszentrums für das Asow-Bataillon, dessen Männer derzeit im Südosten des Donbass, am Schwarzen Meer, die prorussischen Kräfte aufzuhalten suchen. Er selbst ist Ukrainer und seit 2008 Mitglied der paramilitärischen Formation "Patrioten der Ukraine", die der "Sozial-Nationalen Versammlung" angehört . Der Name ist mit Bedacht an die Nationalsozialisten angelehnt.

Babitsch berichtet begeistert von zehn Männern "aus ganz Russland, von St. Petersburg bis Wladiwostok", die über die Grenze gekommen seien und derzeit ohne Sold aufseiten der Asow-Truppe kämpften.

Die Begründung für den Seitenwechsel ist wirr und steht dem verbalen Radikal-Nationalismus von Wladimir Putin seltsam entgegen: Die Russen seien da, weil das "russische Volk in Russland am Rande der Auslöschung" stehe, Muslime und Kaukasier würden bevorzugt und gehätschelt. Putin betreibe, referiert Babitsch die Überzeugung seiner russischen Milizionäre, einen "Schein-Nationalismus", bei dem es nicht um die Menschen und die Nation, sondern um geostrategische Ambitionen und ein neues Reich gehe.

Warum Putin dann nicht besser in Russland selbst bekämpfen? Babitsch wird nun klarer: Die Männer würden in Russland als Extremisten und Faschisten verfolgt. Was für eine Ironie der Geschichte: Während die neue Kiewer Führung vom Kreml als "illegitim", als "Junta" und "Faschisten" bezeichnet wurde, haben sich russische Nazis längst zum Kampf gegen den Kreml in die Ukraine abgesetzt.

Und nicht nur die: Laut Babitsch hat das Asow-Bataillon, das in seinem Wappen seitenverkehrt die Wolfsangel der SS zeigt, eine lange Liste ausländischer Kämpfer vorzuweisen. Der schwedische Scharfschütze Michael Skillt kämpft vor Mariupol, aber nach Angaben des Mobilisierungskommandos tun das auch Norweger, Österreicher, Slowaken, Griechen, Kroaten, Franzosen, Briten und Weißrussen. Denn, so Babitsch: Putin sei eine Bedrohung für die ganze Welt, nicht nur für die Ukraine.

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