Evangelische Kirche "Deutliche Defizite" am Hindukusch

Differenzierter Beistand für Käßmann: Nach der Afghanistan-Kritik der Bischöfin bemüht sich die EKD in einem Papier um Schadenbegrenzung.

Von Matthias Drobinski

Ein sogenannter Entsatz ist, um einmal einen militärisch-taktischen Begriff in die Friedensdebatte zu bringen, wenn befreundete Truppen einen Belagerungsring sprengen und den Eingeschlossenen zur Hilfe kommen.

Die EKD-Vorsitzende Margot Käßmann erhält Unterstützung aus den eigenen Reihen.

(Foto: Foto: dpa)

So gesehen haben nun drei Männer Margot Käßmann, die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), "entsetzt": Nikolaus Schneider, der stellvertretende Ratsvorsitzende und Präses des Rheinlands, der evangelische Militärbischof Martin Dutzmann und der EKD-Friedensbeauftragte Renke Brahms haben gemeinsam mit Käßmann ein "Evangelisches Wort zu Krieg und Frieden in Afghanistan" verfasst, es mit dem Titel "Aus Gottes Frieden leben - für gerechten Frieden sorgen" überschrieben und im Vorfeld der Londoner Afghanistan-Konferenz veröffentlicht.

Es ist ein differenzierter Beistand: Margot Käßmanns Forderungen nach einem möglichst schnellen Rückzug der Bundeswehr findet sich dort ebenso wenig wie ihr umstrittener Satz aus der Neujahrspredigt: "Nichts ist gut in Afghanistan."

Stattdessen schreiben die Autoren vorsichtig: "Wir sehen gegenwärtig nicht, dass der Einsatz anhand der friedensethischen Kriterien eindeutig gebilligt oder abgelehnt werden könnte."

Die EKD bekundet "allen, die in Afghanistan für den Frieden arbeiten, unseren Respekt und unsere Dankbarkeit" und bezieht ausdrücklich die Soldaten der Bundeswehr und der internationalen Streitkräfte mit ein.

In der Sache jedoch bleibt die evangelische Kirche dem Einsatz gegenüber sehr kritisch: Eine Prüfung anhand der Friedensdenkschrift der evangelischen Kirche weise "auf deutliche Defizite" hin. Ein bloßes "Weiter so" würde "dem militärischen Einsatz in Afghanistan die friedensethische Legitimation entziehen." Die Bilanz des Einsatzes bleibe "zwiespältig und ernüchternd". Das Kirchenwort fordert, die Arbeit der zivilen Hilfskräfte zu verstärken und den Aufbau einer Zivilgesellschaft zu fördern.

Mit den Taliban müssten Gespräche "angebahnt" und das "Legitimationsdefizit der afghanischen Regierung" solle überwunden werden. Das zivile und militärische Handeln müsse "aufeinander bezogen und zugleich deutlich voneinander unterschieden sein;" die afghanische Bevölkerung müsse "wissen, ob sie es im konkreten Fall mit militärischen oder mit zivilen Kräften zu tun hat."

Die Militärintervention müsse von einer "Politik getragen werden, die über klare Strategien und Ziele verfügt, Erfolgsaussichten nüchtern veranschlagt und von Anfang an darlegt, wie eine solche Intervention auch wieder beendet werden kann."

Debatte auf neuer Grundlage

Die Stellungnahme spricht die ethischen Bedenken differenziert aus, die Käßmann zu Neujahr zugespitzt gepredigt hat. Drei Wochen lang läuft die Ratsvorsitzende nun schon ihren Zitaten hinterher, erklärt, dass sich die Kritik nicht gegen die Soldaten richtet, trifft sich mit Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, spricht bei der CDU-Klausur, von wo es heißt, die Teilnehmer hätten manchmal in der wohlwollenden Herren-Attitüde gesprochen: "Mädchen, wir erklären dir das."

Nun gibt es eine neue Grundlage, auf der die Debatte weitergehen kann. Sie soll den Belagerungszustand beenden, in den die EKD geraten ist. Am Wochenende sind zwei auf Distanz zu Käßmann gegangen, die sie bislang auf ihrer Seite sah: Außenminister Guido Westerwelle (FDP) erklärte in der Bild am Sonntag, "wenn jemand sagt, nichts ist gut in Afghanistan, dann vergisst er, dass es heute jedenfalls viel besser ist als zur Zeit der Taliban-Herrschaft." Er könne es nicht verantworten, "dass in Afghanistan wieder Jugendliche gehängt und Frauen gesteinigt werden."

Der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, der katholische Bischofskonferenzvorsitzende, sprach sich in der Welt am Sonntag gegen einen schnellen Truppenabzug aus und urteilte zu Käßmann: "Wir sehen die Sache eben etwas differenzierter."

Was der Zustimmung für sie beim Kirchenvolk wenig Abbruch tut. Am Samstag redete sie in Marburg bei den dortigen Ökumene-Gesprächen - und als sie ihre Position erklärte, gab es unter den 600 Zuhörern freundlichen Applaus.