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Erster Weltkrieg:Vereint auf dem "Menschenfresser"

Die Präsidenten von Frankreich und Deutschland eröffnen ein Erinnerungszentrum am Ort einer Schlacht. Macron und Steinmeier werben für Europa - als Lehre aus der Feindschaft von einst.

Von Leo Klimm und Robert Probst, Paris/München

Auf den ersten Blick ist es nur eine Bergkuppe in den Südvogesen, auf den zweiten Blick ein Schauplatz blutiger Schlachten zwischen Deutschen und Franzosen in den Jahren 1914 bis 1916. "Menschenfresser" oder "Berg des Todes" wird der 956 Meter hohe Hartmannsweilerkopf seit dem Ersten Weltkrieg genannt. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sind hier zusammengekommen, um ein neues Museum zu eröffnen, das an die etwa 30 000 Toten der Kämpfe an dem Berg erinnern soll. Aber sie sprechen nicht nur über die Vergangenheit, sie reden über die Lehren aus dem Gestern für das Morgen.

Sie sprechen also vor allem über die Zukunft Europas. Es ist Freitag, der Tag vor dem 11. November - dem Tag des Waffenstillstands von 1918. In Frankreich ist das Gedenkdatum ein Feiertag, noch immer. Europa benötige "dringend eine Neugründung", wie Macron wieder einmal betont. Es soll ein Rückfall ins Gestern in diesen weltpolitisch so ungewissen Zeiten ausgeschlossen werden. Und am Freitag wirkt es fast so, als wolle sich Macron bei Steinmeier vergewissern, dass in Berlin nach dem schwierigen Ergebnis der Bundestagswahl überhaupt noch ein klarer Wille zu mehr Europa herrsche. Auf seine detaillierte Vision für Europa, die er Ende September an der Sorbonne-Universität vorstellte, ist Macron aus dem regierungslosen Deutschland bisher viel Schweigen und Misstrauen entgegengeschlagen - besonders wenn es um die Vertiefung der Euro-Zone geht. Und das nicht zuletzt aus den Reihen der FDP.

"Wir dürfen nicht verzagt sein", sagt Macron, und es klingt, als spreche er sich selbst Mut zu

Vor dem Gedenken am Nachmittag im Elsass erlaubt sich Macron bei einem Termin mit Steinmeier in Paris daher eine kleine Erinnerung: "Alle Partner der Koalition, die sich gerade bildet, haben während des Wahlkampfs die Rolle des deutsch-französischen Paars als Antrieb eines neuen europäischen Projekts betont." Schon in den nächsten Monaten wolle er konkret besprechen können, wie Europa unabhängiger, einiger und demokratischer werden könne. "Wir dürfen nicht verzagt sein", sagt Macron. Aber es klingt, als müsse er sich allmählich selbst Mut zusprechen.

Steinmeier versucht eine Antwort. Es sei gut, dass Macron die französischen Positionen in der Europapolitik klar auf den Tisch gelegt habe. "Und ich bin mir sicher, dass dieser Schwung, der von der Sorbonne-Rede ausging, auch von einer neuen Bundesregierung aufgenommen werden wird", sagt der Bundespräsident.

Das Erinnerungszentrum am "Todesberg", das die beiden Staatschefs eröffnen, ist die erste deutsch-französische Gedenkstätte zum Ersten Weltkrieg. Sein etwa 4,7 Millionen Euro teurer Bau wurde von einem deutsch-französischen Wissenschaftsrat begleitet, teils wurde er mit deutschem Geld finanziert. Aus Deutschland kommt die Mehrheit der 250 000 Besucher, die bisher schon jährlich auf den geschichtsbeladenen Gipfel fahren, um dort die Krypta zu besichtigen und die Schützengräben zu erkunden. Der "Mangeur d'hommes" (Menschenfresser) ist noch immer voller Krater, Bunker, Stacheldraht und Patronenhülsen. Das Inferno lässt sich noch erahnen, wenngleich der Kampfplatz nicht so berühmt sein mag wie die Schlacht um Verdun oder die an der Marne.

Gerade hier am Hartmannsweilerkopf, sagt Macron, habe Frankreich lange ein rein national geprägtes Gedenken gepflegt. "Das hat uns dazu geführt, Fehler zu wiederholen", sagt er. Deswegen wolle er "eine gemeinsame Lesart der Geschichte, weil das der Sockel für eine gemeinsame Zukunft ist". Darum geht es Macron ja. Er ist ungeduldig: 2018 stilisiert er zum Entscheidungsjahr - zum Jahr, in dem es "noch engere Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Wirtschaft, der Sicherheit und der Verteidigung geben muss, aber auch bei den deutsch-französischen Initiativen, um Europa neu zu starten".

Steinmeier sagt am Nachmittag am historischen Ort: "Wir wissen, dass es nicht der Berg war, der Menschenopfer forderte. Es war der Irrglaube an die Überlegenheit der eigenen Nation über andere Nationen." Der Nationalismus sei "ein Menschenfresser". Ja, es brauche Erinnerung - aber das werde nicht ausreichen, denn vor allem junge Leute fragten: Was hat das denn mit mir zu tun? "Die Vergangenheit verpflichtet uns nicht nur zum Gedenken - sondern verpflichtet uns auf die Zukunft", zitiert der den britischen Historiker Tony Judt. Steinmeiers Fazit für die Jugend: "Europa! Dieses Europa, die in Frieden vereinte Europäische Union, ist die Antwort auf die Verheerungen zweier Weltkriege."

Natürlich wird 2018, wenn sich das Kriegsende zum hundertsten Mal jährt, auch ein wichtiges Gedenkjahr. Steinmeier und Macron haben es vorzeitig eröffnet. In einem Jahr plane man bereits "einen deutsch-französischen Moment mit Angela Merkel", heißt es in Macrons Umfeld. Danach aber soll der Blick nach vorn gehen. "Am 11. November 2018 endet für uns das Gedenken an den Ersten Weltkrieg", heißt es im Elysée-Palast. Geht es nach Macron, hat in Europa dann schon wieder ein neues Kapitel begonnen.

© SZ vom 11.11.2017

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