Ermittlungen:Seit 2015 verbreitet der IS Anleitungen für toxische Stoffe

Rizin tötet langsam. Es wirkt binnen 48 Stunden, schleichend. Es ist deshalb ein schauderhaftes Szenario, das die Ermittler vor Augen hatten, während sie auf der Lauer lagen: Verletzte einer solchen Explosion müssten tagelang in Todesangst leben, "das hätte sich massiv auf das gesellschaftliche Klima ausgewirkt", meint ein Sicherheitsbeamter. Eine "perfide Vorgehensweise" sei das, man könne sich kaum ausmalen, wie die Wirkung auf die Bevölkerung gewesen wäre. Bislang ist das ohne Beispiel, eine größere Attacke mit diesem Teufelszeug hat es noch nie gegeben.

Auf die Gefahr durch Giftattacken haben sich Sicherheitsbehörden grundsätzlich schon länger eingestellt, schon seit 2015 verbreitet der IS Anleitungen für toxische Stoffe, so wie er auch Anleitungen für andere Mordmethoden verbreitet. Bislang aber scheiterten Gift-Pläne stets. Botulin zum Beispiel, ein Nervengift, das aus verrottetem Fleisch hergestellt wird, ist in Syrien und dem Irak vereinzelt in Bombenwerkstätten gefunden worden. Offenbar hatten IS-Leute begonnen, damit zu experimentieren, aber erfolglos.

Auch für Zinkphosphide oder Anschläge mit Schwefelwasserstoff gibt es Rezepte, die über dschihadistische Internetkanäle in Umlauf gebracht wurden. Die meisten dieser Substanzen sind sehr aufwendig herzustellen. Das Nervengift Sarin zum Beispiel, das die japanische Aum-Shinrikyo-Sekte an einem Morgen im Jahr 1995 in der Tokioter U-Bahn freisetzte, wird auch vom IS empfohlen. Aber die Herstellung ist kompliziert, sie birgt eine enorme Gefahr, dass man sich dabei verletzt.

Rizin dagegen ist simpel. Das sieht man an Sief Allah H., dem Tunesier, der durch die Heirat mit einer Deutschen im Jahr 2016 nach Köln gekommen war. Er hatte keine naturwissenschaftliche Ausbildung, es genügte ein bisschen handwerkliches Geschick. Auf das simple Rizin, so scheint es, fokussieren sich die Giftpläne des IS immer stärker. Im Jahr 2016 wurde das Gift in drei Fällen im Irak und in einem Fall an der irakisch-syrischen Grenze gefunden. Und nun erstmals in Europa.

Die Zutaten für Rizin sind leicht zu bekommen

Offenbar wird das auch erleichtert durch eine Rechtslage, über die nun neu diskutiert werden dürfte. Die Zutaten für Rizin sind leicht zu bekommen. Es gibt Händler für Rizinus-Samen, die ab einer bestimmten Bestellmenge hellhörig werden und die Behörden einschalten, aber eine Pflicht dazu gibt es bislang nicht. Die Menge, die Sief Allah H. sich über den Online-Versandhändler Amazon nach Hause liefern ließ, hätte im schlimmsten Fall Hunderte Menschen töten können, so haben Fachleute des Robert-Koch-Instituts jüngst geschätzt.

Zudem bestellte er acetonhaltigen Nagellackentferner und 250 Metallkugeln - trotzdem, in Deutschland löste dieser Online-Großeinkauf nirgends Alarm aus. In der sogenannten Gefahrstoffverordnung werden Rizinus-Samen nicht aufgeführt. Schließlich kann man sie auch für Kosmetik oder Homöopathie verwenden. Das "Monitoring" solcher Einkäufe müsse man "gegebenenfalls noch erweitern", sagt BKA-Chef Münch. Anschläge "auch mit toxikologischen Substanzen" seien jederzeit möglich, lässt auch Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen erklären.

Die USA sehen hier bereits viel genauer hin. Amazon wird dort von den Behörden überwacht, es gibt geheime Abkommen, die das Unternehmen zu bestimmten Auskünften zwingen. Dem US-Geheimdienst CIA sowie zwei weiteren ausländischen Diensten ist zu verdanken, dass man beim Bundesamt für Verfassungsschutz zu Jahresbeginn überhaupt aufmerksam wurde auf die Aktivitäten von Sief Allah H. in Köln. Obwohl er buchstäblich im Hinterhof der Behörde das Gift mischte, im Problemstadtteil Chorweiler.

Ein Vizepräsident des Verfassungsschutzes blickt aus seinem Büro direkt auf das Haus, in dem Sief Allah H. wohnte.

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