Ermittlungen Kampfstoff aus der Kaffeemühle

Ein Beamter des Bundeskriminalamts in Schutzkleidung auf dem Balkon des Kölner Hochhauses, in dem Sief Allah und Yasmin H. lebten.

(Foto: Henning Kaiser/dpa)
  • Am 12. Juni stürmten maskierte Beamte die Kölner Wohnung von Sief Allah H. Er soll schon mit der Rizin-Herstellung begonnen haben.
  • Die Menge an Rizinus-Samen, die sich der Verdächtige nach Hause liefern ließ, hätte Hunderte Menschen töten können, schätzen Fachleute des Robert-Koch-Instituts.
  • Auf die Gefahr durch Giftattacken haben sich Sicherheitsbehörden schon länger eingestellt, schon seit 2015 verbreitet der IS Anleitungen für toxische Stoffe.
Von Ronen Steinke

Beim ersten Mal kann es noch Zufall sein. Mit Rizin, dem Gift des sogenannten Wunderbaums, hat man in Europa bisher kaum etwas zu tun gehabt. Nun aber ist es in Köln aufgetaucht, ein mutmaßlicher Giftmischer ist verhaftet worden, der 29-jährige Tunesier Sief Allah H., ein Islamist. Aber zweimal Rizin in kürzester Zeit? Kann auch das ein Zufall sein?

Vor vier Wochen erst, am 17. Mai, waren in Paris zwei Brüder aus Ägypten festgenommen worden, gemeinsam sollen sie einen Anschlag geplant haben, ebenfalls mit Rizin. Auf ihren Handys fand man eine Anleitung, die vom Mediendienst "Ibn Taymiyyah Center" des sogenannten Islamischen Staats (IS) seit 2015 verbreitet wird. Schritt für Schritt wird darin erklärt, wie man die schokobraunen Bohnen zermahlt, aus denen eine der giftigsten pflanzlichen Substanzen der Welt gewonnen wird, tödlich schon im Milligrammbereich.

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Nun Köln: Am 12. Juni stürmten maskierte Beamte die Wohnung von Sief Allah H., und diesmal soll der Verdächtige sogar schon mit der Rizin-Herstellung begonnen haben. Wiederum genauso, wie es in der IS-Anleitung beschrieben wird. Laut den Ermittlern nutzte er eine elektronische Kaffeemühle zum Zerkleinern der Rizinus-Samen, dazu einen Sprengverstärker aus Kühlkompressen. Insgesamt 84,3 Milligramm fertiges Rizin fand man bei ihm.

Ein IS-Hintermann könnte den Tunesier in Köln angeleitet haben, glauben Ermittler

Sein ganzes Leben spielte sich offenbar unter diesem Dach ab: In einer Wohnung lebte H. mit seiner schwangeren Frau und deren vier Kindern. In einer anderen Wohnung des Hauses hatte er Giftküche und Bombenwerkstatt. Monatelang war Sief Allah H. hier beschattet worden, Regie führte das Bundesamt für Verfassungsschutz.

Den Sicherheitskräften fiel auf, dass er in seinen Planungen "stark schwankte", wie es heißt. Immer wieder zog der Tunesier sich ins Familienleben zurück. Wochenlang blieb die Giftküche kalt. Als hätte er das Interesse verloren. Dann machte er plötzlich weiter. Das spricht jedenfalls aus Sicht einiger Ermittler dafür, dass jemand von außen dazu gedrängt haben könnte, dass H. sein Ziel - oder seinen Auftrag - nicht aus den Augen verliert.

So steht wieder einmal die Frage im Raum, ob ein Dschihadist in Europa heimlich von einem Hintermann des IS ferngesteuert worden sein könnte, ob also hinter Paris und Köln ein "Mastermind" steckt, wie es ein ranghoher Beamter ausdrückt. Zugleich drängt sich die Frage auf, wie sehr die Terrorgruppe entschlossen ist, eine neue Waffengattung auszuprobieren, während sie auf den Schlachtfeldern in Syrien und dem Irak weitgehend geschlagen ist. Es wäre eine neue Methode: Von einer "Biobombe" spricht der Präsident des Bundeskriminalamts, Holger Münch, mit Blick auf Köln. Das sei "ein in Deutschland einmaliger Vorgang".