Erster Kanzlerreise in die DDR 1970:"Willy Brandt ans Fenster!"

Eine erste deutsch-deutsche Annäherung: 1970 reiste Bundeskanzler Willy Brandt nach Erfurt zu DDR-Ministerpräsident Willi Stoph. Es kam zu historischen Szenen.

Von S. Wolfrum und L. Jakat

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Eine erste deutsch-deutsche Annäherung: 1970 reiste Bundeskanzler Willy Brandt nach Erfurt zu DDR-Ministerpräsident Willi Stoph. Es kam zu einer historischen Szene.

Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) reist am 19. März per Sonderzug in die DDR. Auf dem Erfurter Hauptbahnhof begrüßt ihn DDR-Ministerpräsident Willi Stoph mit Händedruck. Es ist das erste deutsch-deutsche Treffen seit der Teilung.

Der einige Monate zuvor als vierter deutscher Bundeskanzler vereidigte Brandt begann damit seine "neue Ostpolitik", die sich unter anderem durch eine Abkehr von der Hallstein-Doktrin auszeichnete, die bis 1969 die deutsche Außenpolitik bestimmte. Mit Hilfe dieser Doktrin sollte die DDR isoliert werden - die Bundesrepublik hatte in den Jahren zuvor diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu jenen Staaten abgebrochen, die mit der DDR kooperierten.

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Willy Brandt; Willi Stoph; dpa

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Gemeinsam gehen die Regierungschefs die etwa 30 Meter zum Erfurter Hof, wo das Spitzengespräch stattfindet. Ein Großaufgebot der Stasi soll verhindern, dass die DDR-Bürger auf dem Bahnhofsvorplatz dem Staatschef aus dem Westen zujubeln. Die lauten "Willy, Willy"-Rufe, die dennoch zu hören sind, gelten jedoch eindeutig Willy Brandt - und nicht Willi Stoph.

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Willy Brandt; Willi Stoph; Otto Winzer; Egon Franke; SZ-Photo

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DDR-Außenminister Otto Winzer und sein Regierungschef betreiben mit Bundeskanzler Brandt und Egon Franke, dem Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen (von links), nicht nur Smalltalk. Bei dem historischen Gespräch in Erfurt bleibt es nicht allein bei Meinungsaustausch und vorsichtiger Annäherung.

Stoph und Brandt verhandeln ganz konkret über den innerdeutschen Handel, über eine Basis der Gleichberechtigung und den Beitritt beider deutscher Staaten zu den Vereinten Nationen.

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Willy Brandt; Willi Stoph; Erfurt; AP

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Am Vormittag des 19. März 1970 drängen sich die Regierungsvertreter von BRD und DDR im Saal des Luxushotels Erfurter Hof. Die Flagge des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaats vor sich, sitzt DDR-Ministerpräsident Stoph seinem Gast aus der BRD gegenüber.

Die Erfurter Gespräche läuten einen Wandel in der westdeutschen Außenpolitik ein. Nur wenige Monate später, am 12. August 1970, unterzeichnet die Regierung Brandt mit dem Moskauer Vertrag den ersten der Ostverträge.

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Willy Brandt; Erfurt; dpa

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Vor dem Tagungshotel in der Erfurter Innenstadt versammelt sich während des Brandt-Besuchs eine Menschenmenge, um ihre Sympathie für den westdeutschen Regierungschef zu zeigen. Am Fenster oben links beobachtet der westdeutsche Staatssekretär Conrad Ahlers, Leiter des Bundespressamts, die jubelnden Menschen. Sie skandieren: "Willy Brandt ans Fenster!"

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Willy Brandt; Erfurt; AP

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Und da ist er! Bundeskanzler Brandt hört die mutigen Rufe auf dem Vorplatz und für einen historischen Augenblick zeigt er sich um 9:45 Uhr Uhr am Fenster in der zweiten Etage. Kurz darauf wird der Platz von DDR-Sicherheitskräften geräumt.

Mit den Solidaritätsrufen für den westdeutschen Regierungschef ignorieren die DDR-Bürger die massive Stasi-Präsenz und widersetzen sich den Anweisungen der Polizei. Für den Besuch des westdeutschen Bundeskanzlers waren zusätzliche Uniformierte aus Halle und Leipzig nach Erfurt verlegt worden, insgesamt sind fast 4000 Polizisten im Einsatz. Foto: AP

Schriftzug; Willy Brandt; Erfurt: Koch-ddp

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Seit Mai 2009 erinnert ein Leuchtschriftzug auf dem Dach des Erfurter Hofs an die historische Begegnung von Brandt und Stoph. Das Denkmal wurde nach einem Entwurf des Fuldaer Künstlers David Mannstein gestaltet und sorgte im Vorfeld für hitzige Debatten unter den Erfurtern.

Mannstein hatte ursprünglich "Willy, komm ans Fenster" in den Himmel schreiben wollen. Zeitzeugen und Politiker protestierten, da die DDR-Bürger 1970 "Willy Brandt ans Fenster" gerufen haben - mit sichtbarem Erfolg.

Foto: Jens-Ulrich Koch/ddp

Willy Brandt; Erfurter Hof; dpa

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Das Hotel wurde 1995 geschlossenen und verfiel seither zusehends. Vor fünf Jahren begannen an dem historischen Gebäude umfangreiche Sanierungsarbeiten, im September 2007 wurde es als Büro- und Geschäftshaus wiedereröffnet. Während der Umbauarbeiten erinnerte ein lebensgroßes Brandt-Poster in dem berühmten Fenster an das historische Ereignis von 1970. Die Türen und Fenster des dahinterliegenden Willy-Brandt-Zimmers wurden in ihrem ursprünglichen Zustand belassen. Heute dient der Raum der Thüringer Tourismus-Gesellschaft als Beratungszimmer und wird zu bestimmten Anlässen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

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Willy-Brandt-Platz; Erfurter Hof; AP

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In Gedenken an die deutsch-deutsche Geschichte wurde der Vorplatz des ehemaligen Hotels nach Bundeskanzler Willy Brandt benannt, der dort einst über den roten Teppich schritt. 1971, ein Jahr nach den historischen Gesprächen in Erfurt wurde Brandt für seine Bemühungen in der Ostpolitik mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Einen Willi-Stoph-Platz gibt es übrigens nicht.

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Willy Brandt; Volkskammerwahlen 1990; Weimar; dpa

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Im Wahlkampf zu den ersten freien Volkskammerwahlen war Willy Brandt 1990 in der ganzen DDR unterwegs. Am selben Tag, an dem er diesen Auftritt in Weimar absolvierte, kehrte er noch einmal in den Erfurter Hof zurück, an den Ort, wo er 20 Jahre zuvor Geschichte geschrieben hatte.

Archivfoto: dpa (4. März 1990)

© Süddeutsche.de/odg
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