Erfolg der Piratenpartei:Rösler und Lindner - so absolut FDP

Die Generation um die 30 kam überhaupt nicht mehr zu Wort. Sie begnügte sich bestenfalls damit, ihren Lebenslauf zu optimieren und in internationalen Konzernen Karriere zu machen. Schlimmstenfalls schlug sie sich mit befristeten Jobs, unklarer Zukunft und unerfülltem Kinderwunsch herum. Sicher, es gab auch Leute, die sich engagierten. Die gingen zu Attac, gründeten Online-Klima-Initiativen oder starteten eine Laufbahn bei den UN. Doch in die Entscheidungsorgane der deutschen Politik drangen sie kaum vor.

Pirate Party Sets Sights On Federal Arena

Mit Kurs auf den Reichstag: Sebastian Nerz, Bundesvorsitzender der Piratenpartei, zusammen mit der politischen Geschäftsführerin Marina Weisband und dem Berliner Fraktionschef Andreas Baum.

(Foto: Getty Images)

Währenddessen machten sich die Alten in den Parteien, Parlamenten und Medien breit, verwässerten erst die soziale Marktwirtschaft in Deutschland und dann ging auch noch Europa den Bach runter. Es wurde also höchste Zeit, dass die Jungen endlich aus ihrer Schockstarre aufwachten. Denn wer soll denn bitte die Welt von morgen gestalten, wenn nicht diejenigen, die darin leben werden?

Jetzt kann man natürlich sagen, dass es schon vor den Piraten junge Leute in der Politik gab, Philipp Rösler und Christian Lindner zum Beispiel. Aber die könnten genauso gut 50 sein. Sie sind so absolut glatt, so absolut angepasst, so absolut gesichtslos, so absolut karrieristisch. So absolut FDP. Und dann erst Familienministerin Kristina Schröder! Die ist zwar jung, aber an ihrer Politik merkt man das nicht. Betreuungsgeld, also echt! Die Idee hätte besser in die 1950er Jahre als ins 21. Jahrhundert gepasst.

Früher einmal, da konnte man die Grünen gut finden. Heute aber ist von deren fortschrittlichen Ideen außer jugendlich gefärbten Haaren und bunten Schals nicht mehr viel übrig. Eine Partei, die ihre Popularität großteils daraus speist, gegen Bahnhöfe, Straßen und Flughäfen zu protestieren? Da könnte man ja gleich der CDU beitreten, jetzt, wo der Atomausstieg geschafft ist. Und in der SPD gilt immer noch die inzwischen 41-jährige Andrea Nahles als "Nachwuchstalent" - was für ein Witz!

Doch auf einmal ist da etwas anderes, etwas Neues: die Piraten mit ihrer Idee von Transparenz und Online-Mitbestimmung. Und auf einmal kommen sie raus aus ihren Löchern, die Kinder der 68er. Fast möchte man sagen: Endlich haben wir unseren Generationenkonflikt!

Viele junge Leute würden die Piraten im Moment noch nicht einmal wählen, aber die Idee dahinter ist verlockend: Endlich kann man das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten, die Spielwiese der jungen Generation, nicht mehr nur zur persönlichen Kontaktpflege und zum Nachrichten- und Pornokonsum nutzen, sondern dazu, Gleichgesinnte zu finden, Demonstrationen zu organisieren, vielleicht ja sogar Politik in Parlamenten zu machen.

Könnte sich tatsächlich am System was ändern? Könnte tatsächlich auf einmal die Meinung des Einzelnen gehört werden? Fragen wie diese trauen sie sich jetzt wieder laut zu stellen, diese Globalisierungskinder, die schon mit Ende 20 so vernünftig und desillusioniert waren, als hätten sie ein langes, enttäuschendes Leben hinter sich.

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