Deutsch-Türken:Erdoğan, Präsident der Türken in Deutschland

Deutsch-Türken: Ein Sonntagabend in Duisburg-Marxloh: Anhänger des bislang amtierenden Präsidenten Erdoğan fahren feiernd durch die Straßen.

Ein Sonntagabend in Duisburg-Marxloh: Anhänger des bislang amtierenden Präsidenten Erdoğan fahren feiernd durch die Straßen.

(Foto: Christoph Reichwein/dpa)

Präsident Erdoğan genießt seit jeher hohe Zustimmung unter den Türken in Deutschland. Auch diesmal wählten sie ihn mit großer Mehrheit. Woran liegt's?

Von Gökalp Babayiğit

Die Türken in Deutschland haben gewählt - und das Unverständnis ist wieder groß: "Bei aller berechtigten Kritik an integrationspolitischen Versäumnissen der Mehrheitsgesellschaft", schrieb etwa der baden-württembergische Grünen-Politiker Danyal Bayaz auf Twitter: "Das kann niemals Grund dafür sein, Erdoğans autoritären und antidemokratischen Kurs zu unterstützen. Mich macht das fassungslos, mich macht das ratlos."

Bayaz' Ratlosigkeit bezieht sich auf die wieder einmal sehr hohe Zustimmung für Präsident Recep Tayyip Erdoğan unter den in Deutschland lebenden Türken. Nach Öffnung von knapp 98 Prozent der Wahlurnen ist laut der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu klar: 65,4 Prozent der Stimmen konnte der Amtsinhaber hierzulande gewinnen - mehr als 461 000 Wahlberechtigte haben ihn gewählt. Auf Herausforderer Kemal Kılıçdaroğlu entfielen dabei 32,6 Prozent der Stimmen.

Wieder einmal fährt Erdoğan damit ein weitaus besseres Ergebnis als in der Türkei selbst ein. Und wieder einmal wird seine Zustimmungsquote in Deutschland wohl höher liegen als im restlichen Ausland. Überraschend kommt das nicht: Die Wahlergebnisse in Deutschland scheinen seit jeher dieser Regel zu folgen.

Für die hohen Popularitätswerte gibt es auch historische Gründe

Bei der Präsidentschaftswahl 2018 waren es 64,8 Prozent der Stimmen, die Erdoğan in Deutschland gewinnen konnte - im Ausland waren es zusammengenommen 60,2 Prozent. Damals hatte der AKP-Politiker mit einem Gesamtergebnis von 52,6 Prozent im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreicht.

Auch 2014 reichte es in der ersten Runde mit einem Gesamtergebnis von 51,8 Prozent für die absolute Mehrheit. In Deutschland verhalfen ihm dabei 68,6 Prozent der türkischen Wähler zum Sieg - im gesamten Ausland waren es 62,3 Prozent.

Wie die hohen Popularitätswerte des Präsidenten genau zu erklären sind? Dafür gibt es zahlreiche Ansätze. Yunus Ulusoy vom Zentrum für Türkeistudien in Essen führt historische Gründe auf. Die Gastarbeiter seien nun mal vor allem Menschen aus dem anatolischen Kernland gewesen, die ihre religiös-konservativen Einstellungen mit nach Deutschland gebracht hätten.

Gökay Sofuoğlu, der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, verweist hingegen auf die starken Bemühungen Erdoğans, einen Draht zu den hier lebenden Türken aufzubauen. Er habe sich als ihr "Kümmerer" dargestellt. Vor allem bei den jüngeren Türkinnen und Türken gebe es "eine Art Protesthaltung aufgrund von Diskriminierungserfahrungen". Erdoğan gebe sich als "starker Mann, der ihnen das Gefühl gibt, Teil einer großen Nation zu sein, ihnen Identität und Zugehörigkeit verspricht und diese auch zementiert - anders als womöglich die deutsche Politik".

Im Vergleich zur Wahlbeteiligung in der Türkei ist diese hierzulande allerdings sehr niedrig

Schließlich gelingt es Erdoğans Partei, der AKP, mit Abstand am besten, ihre Wählerschaft zu mobilisieren. So gehen von den 1,5 Millionen wahlberechtigten Türken in Deutschland vor allem Anhänger des Präsidenten überhaupt zur Wahl. Die im Vergleich zur Wahlbeteiligung in der Türkei (87 Prozent) sehr niedrige Abstimmungsquote von knapp 49 Prozent in Deutschland lässt den Schluss zu, dass die Ergebnisse nicht zwingend die überwiegende Haltung aller in Deutschland lebenden Türken widerspiegeln.

Zur Stichwahl am 28. Mai sind die Türken in Deutschland aufgerufen, entweder Erdoğan oder Kılıçdaroğlu zu wählen. Sie geben ihre Stimme dabei nicht am Wahltag, sondern bereits einige Tage vorher ab.

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