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Enthüllungsportal Wikileaks:Die Dokumente bestätigten nur, was man geahnt hatte

Man mag darüber streiten, ob dies ein weiteres Indiz für die Entpolitisierung der Bevölkerung ist oder ob die geringe Aufmerksamkeit nur daran liegt, dass die Papiere zu den Irak- und Afghanistan-Kriegen deutlich weniger brisant sind als etwa die Vietnamdokumente. Dass es um die Stabilisierung des Irak und die Pazifizierung Afghanistans erheblich schlechter stand, als die Regierung glauben machte, wusste eigentlich jeder, der sich für die Sache interessierte. Die durch Wikileaks veröffentlichten Dokumente bestätigten nur, was man geahnt und befürchtet hatte: dass einige amerikanische Soldaten - oder auch ganze Truppenteile - die Herausforderungen asymmetrischer Kriegführung nutzten, um Jagd auf Zivilisten zu machen und erkennbar Unbeteiligte hemmungslos "abzuknallen", und dass man es in Afghanistan mit einem Gegner zu tun hatte, der tief in den sozialen und kulturellen Strukturen des Landes verwurzelt war und gegen den man kein probates Mittel gefunden hatte. Eigentlich haben die Veröffentlichungen bloß vorläufiges in definitives Wissen verwandelt, nichts Sensationelles also, auch wenn einige Journalisten anfangs diesen Eindruck zu wecken versucht hatten.

Am bedenklichsten war eigentlich, dass durch die Veröffentlichungen viele zivile Unterstützer und Zuträger der Nato-Streitkräfte in Afghanistan für die Taliban identifizierbar wurden, sodass diese mit Hilfe des Internets nun daran gehen können, die ohnehin wenigen "Augen und Ohren", die der Westen am Hindukusch hat, schrittweise zu eliminieren. Alles in allem dürfte durch die Veröffentlichungen weniger das Wissen der westlichen Gesellschaften über das geheime Agieren ihrer Regierungen in einem ungeliebten Krieg als vielmehr die militärische Aktionsfähigkeit der Taliban erhöht worden sein.

Dieser Aspekt hat in der kurzen Debatte über die Veröffentlichung der Geheimpapiere freilich die geringste Rolle gespielt. In die Sorge um die eigene politische Integrität war offenbar ein kräftiger Schuss Zynismus gemischt: Es waren ja nicht unmittelbar die eigenen Soldaten, die durch diese Veröffentlichung gefährdet wurden, sondern nur afghanische Zivilpersonen. Dass die Fähigkeit der Nato, Informanten und Unterstützer zu finden, dadurch erheblich eingeschränkt worden ist, wobei Informanten und Unterstützer gerade in asymmetrischen Kriegen unverzichtbar sind, hat in der ganzen Veröffentlichungsdebatte so gut wie keine Rolle gespielt. Es hat den Anschein, als sei den westlichen Demokratien in ihrer Sorge um die Transparenz des Politischen das Wissen um den Nutzen von Geheimhaltung und Geheimnis verlorengegangen. Das aber ist, sollte es tatsächlich so sein, ein sicheres Indiz für Entpolitisierung.

Das Geheimnis ist nämlich nicht nur ein Mittel, mit dem Politiker die Bürger hinters Licht führen können, sondern auch ein Merkmal politischer Institutionen. Womöglich lassen sich politische von sozialen Institutionen dadurch unterscheiden, dass sie zur Bildung von Geheimnissen nicht nur fähig, sondern auf diese geradezu angewiesen sind. Institutionen, die über ein Wissen verfügen, zu dem nicht jeder Zugang hat, verfügen über Macht. Allein die Vermutung, eine Institution habe Geheimnisse, verschafft ihr eine Aura der Macht. Was umgekehrt dann auch bedeutet, dass Institutionen mitsamt den an ihrer Spitze stehenden Personen entmachtet werden, wenn man ihre Geheimnisse bricht und alles öffentlich macht.

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