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Energiewende:Adieu, Kohle

Die geplante Stilllegung eines Kraftwerks in Hamburg zeigt: Die Zeit der Kohle läuft ab. Nicht aus politischen, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Die Betreiber zahlen schlicht mehr, als sie einnehmen.

Von Michael Bauchmüller

Vor nicht allzu langer Zeit grassierte in Deutschland noch die Angst vor akutem Strommangel. Schon 2020, so hieß es in Prognosen, könne inländischer Strom knapp werden. Also sollten neue Kohlekraftwerke her. Noch 2008 reiste Kanzlerin Angela Merkel nach Hamm, um dort ein Kraftwerk einzuweihen und die "effizienten, modernen" Meiler zu loben - auch als möglichen "Exportschlager". Wer dagegen Kraftwerksneubauten verhindere, so warnte Merkel düster, nehme Risiken "für die Zukunft Deutschlands" in Kauf. Gerade mal zwölf Jahre ist das her - und stammt doch aus einer längst vergangenen Zeit.

Zwölf Jahre später will der Energiekonzern Vattenfall in Hamburg eines dieser effizienten, modernen Kraftwerke vom Netz nehmen: Moorburg. Geplant 2005, stammt der Koloss an der Elbe genau aus jener Zeit, in der Kohlekraft hochwillkommen war. Und es soll vom Netz gehen in einer Zeit, in der nicht mehr der Kampf gegen die Kohle, sondern die Kohlekraft selbst als Risiko für die Zukunft Deutschlands gilt; des ganzen Planeten obendrein. Die Kohlendioxid-Tonnen wiegen mittlerweile schwerer als die Kilowattstunden - auch rein ökonomisch.

Denn so wenig Vattenfall das Kraftwerk einst baute, um die deutschen Ängste vor Strommangel zu zerstreuen, so wenig will der schwedische Konzern es jetzt dichtmachen, um das Klima zu schützen. Es geht schlicht um Geld. Denn mit Kohlestrom lässt sich nicht mehr viel verdienen, seit der Emissionshandel in der EU zu wirken begonnen hat. Er zwingt die Betreiber von Kraftwerken, für jede Tonne Kohlendioxid ein Zertifikat zu kaufen. Das belastet vor allem Kohlekraftwerke mit ihren hohen Emissionen - umso mehr, seit der Preis für diese Zertifikate auf weit über 20 Euro gestiegen ist. Dort liegt er schon seit zwei Jahren; selbst die Corona-Krise hat daran nicht viel geändert. Die Strompreise dagegen sind abgesackt. Kohle zu verbrennen, bringt den Konzernen also nicht mehr viel, kostet aber umso mehr. Wer noch Zweifel an der Wirksamkeit von CO₂-Preisen hat, sollte sich dieses Beispiel gut ansehen.

Der Verfall der Strompreise wiederum hat mit den erneuerbaren Energien zu tun. Je größer ihr Anteil, desto stärker der Druck auf die Strompreise; jedenfalls dann, wenn der Wind gut weht und die Sonne scheint. Und dieser Druck wird Jahr für Jahr weiter wachsen.

So entsteht eine Dynamik, die gegen die Kohle läuft. Je mehr Vattenfall und Co. die Lust am Kohlestrom verlieren, desto wichtiger wird es, drohenden Versorgungslücken vorzubeugen - nun aber mit der klimafreundlichen Alternative. Das verlangt mehr Speicher, eine bessere Streuung der Ökoenergien übers Land, bessere Stromnetze in Deutschland und zu den europäischen Nachbarn. Eine Ökostrom-Novelle des Wirtschaftsministeriums, über die gerade beraten wird, greift vieles davon schon auf. Je mehr Ökostrom fließt, desto weniger lohnt sich die Kohle. Bei den Stilllegungs-Auktionen, über die nun auch Vattenfall eine Entschädigung erhalten will, dürfte es an Angeboten frustrierter Betreiber nicht mangeln.

So könnte das ökonomische Ende der Kohle das politisch geplante Ende überholen, das die Kommission für den Kohleausstieg im vorigen Jahr skizziert hatte. Ihr Verdienst bleibt, dass sie sich auch um die sozialen Folgen kümmerte. Das finale Ausstiegsdatum aber, das sie ersann, war 2038. So lange wird es nicht dauern.

© SZ vom 07.09.2020

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