Eigennutz statt Moral:Die falsche Attraktivität der Ichlinge

Eigennutz statt Moral: Naiv oder menschlich, realistisch oder rücksichtslos? Ungarn wehrt Flüchtlinge per Grenzzaun ab.

Naiv oder menschlich, realistisch oder rücksichtslos? Ungarn wehrt Flüchtlinge per Grenzzaun ab.

(Foto: Armend Nimani/AFP)

Mit ethischen Ansprüchen zu regieren, gilt vielen als naiv. Stattdessen verfolgen immer mehr Machtpolitiker das Motto: "Wir zuerst!" Das dürfte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen.

Von Matthias Drobinski

Zum ersten Pfingstfest ergriff der Geist die verzagten Jünger, brausend in Feuerzungen, wie die Apostelgeschichte berichtet. Die Jünger öffneten die zugesperrten Türen und redeten. Wer sie reden hörte, verstand sie in seiner Sprache, ob Jude, Römer, Grieche. Für einen Moment trennten die Unterschiede nicht mehr, wuchs der Kleinmut zu Mut, erhob sich die Menschengemeinschaft über Egoismus und Vereinzelung. Die Utopie hatte einen Ort.

Pfingsten 2017 scheint er Urlaub zu machen, dieser Geist. Selbst wer in der gleichen Sprache redet, versteht sich nicht. Und nicht einmal die Fakten sind mehr klar, auf deren Basis man sich missverstehen könnte. Es scheint die Zeit der Autokraten und Ichlinge gekommen.

Einer von ihnen ist nun amerikanischer Präsident und mächtigster Mann der Erde; er steigt aus dem Klimaabkommen von Paris aus, weil er nicht glauben mag, was die Forscher über den Treibhauseffekt sagen. Ein anderer ist Russlands starker Mann und hält die Krim besetzt. Die altbekannten Kriege gehen weiter und der Terror des IS, das Sterben im Mittelmeer und der Aufbruch Zehntausender Hoffnungsloser in Afrika. Der Geist scheint verpufft, die Utopie zum Wolkenkuckucksheim geschrumpft zu sein; die Idee einer Menschheitsfamilie hat gelitten.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt - das wusste schon Friedrich Schillers Wilhelm Tell, das ist in den Zitatenschatz des Utopieverlusts gewandert. Warum in Deutschland teuren Ökostrom bezahlen, wenn die Amerikaner billige Kohle verfeuern? Warum Flüchtlingen helfen, die dann Geld wollen und nichts leisten oder gar zu Kriminellen und IS-Terroristen werden? Oder für ein gemeinsames Europa zahlen, wenn jedes Land doch seine eigenen Interessen verfolgt? Und was ist, wenn der barmherzige Samariter, den die Christen als Vorbild preisen, nicht nur einen einzelnen Verwundeten versorgen soll, sondern noch einen und noch einen - und am Ende selbst ausgeplündert ist?

Globalisierung und Internet bringen Probleme der Welt aufs heimische Sofa

Eine Politik, die sich in dieser Lage an Idealen orientiert, scheint da so gut gemeint zu sein wie schlecht gemacht. Wer für den Abschied vom fernen großen Ziel ist, der kann den Sound des Realismus für sich beanspruchen, der unbequeme Wahrheiten ausspricht. Gegen das Moralgequatsche der Eliten von Staat, Parteien, Medien, Kirchen. Wer im Namen des Guten Flüchtlingen hilft oder gegen Abschiebungen protestiert, wer im Eine-Welt-Laden kauft, Muslime nicht von vornherein für eine Gefahr hält und gleichen Lohn für Frauen und Männer fordert, gilt den Propagandisten der Realpolitik bestenfalls als gutmeinend naiv. Im schlimmeren Fall bekommt er das Etikett "Gutmensch" verpasst, der in Wahrheit seinen Nächsten nicht liebt, sondern mit moralisierender Besserwisserei plagt. Im schlimmsten Fall ist er Teil des politisch-journalistisch-gewerkschaftlich-kirchlichen Kartells, das andere Meinungen unterdrückt.

Daran stimmt: Gutes tun ist immer auch eine Form der Selbstaufwertung. Moralische Argumente sind immer auch Machtargumente und damit zu missbrauchen; die Leugnung von Macht ist die subtilste Form der Machtausübung. Moralische Argumente einigen die Gleichgesinnten und setzen zugleich die Abweichler unter Druck. "Sind Sie nicht auch für den Frieden?" - so begannen in der DDR die Gespräche der Funktionäre und Stasileute mit denen, die auf Linie gebracht werden sollten.

Die heutige Bundesrepublik ist tatsächlich ein ziemlich moralisches Land, schon von seiner Geschichte her. Nie wieder sollte hier ein Regime an die Macht kommen, das wie die Nazis die Menschenwürde und Menschenrechte mit Füßen tritt. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - keine andere Verfassung formuliert einen derart hohen, universellen Anspruch. Im Namen der Freiheit und der Bürgerrechte gingen 1989 die Menschen in der DDR auf die Straße, und der Moralüberschuss war die einzige Waffe gegen die Diktatur und deren Alleinvertretungsanspruch für Werte und Wahrheiten. Die Friedens-, Öko-, Eine- Welt-, Anti-Atomkraft-, Frauen- und Homosexuellen-Bewegungen traten im Bewusstsein der Menschen- und Weltverbesserung an und mit der Selbstsicherheit, dass sich die anderen, die nicht so Bewegten, auf einer niedrigeren Erkenntnisstufe befinden.

Das Leben als Kampf um den besten Platz

Das alles war ziemlich erfolgreich. Die Deutschen mögen keinen Krieg und sind skeptisch bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr. Eine CDU-Kanzlerin hat den Atomausstieg eingeleitet, ein Entwicklungshilfeminister von der CSU redet ähnlich wie viele Eine-Welt-Gruppen. Jeder zehnte Deutsche hat seit dem Herbst 2015 konkret etwas für Flüchtlinge getan, und wenn ein Schüler abgeschoben werden soll, gibt es Rangeleien zwischen Klassenkameraden und der Polizei.

Das alles hat das Land recht zivil und human gemacht, allerdings um den Preis einiger Wahrnehmungslücken: Es muss zum Beispiel in manchen Fällen auch ein humaner Rechtsstaat abschieben; im Fall des Attentäters Anis Amri hätte man das sogar gern gesehen. Die Welt ist schwieriger geworden, ihre Probleme haben, der Globalisierung samt Internet sei es gedankt, daheim auf dem Sofa Platz genommen mit ihren Ausweglosigkeiten und der Sorge, dass Wohlstand und Frieden nicht bleiben könnten.

Die postmoderne Moralkritik verteidigt ihr Recht auf Distanz. Die Unwilligen sind im Zweifel resignativ. Die neuen Bewegungen von Donald Trump über Marine Le Pen bis Björn Höcke und Alexander Gauland dagegen haben einen echten Gegenentwurf. Das Leben ist für sie ein Kampf um den besten Platz, um Dominanz. Es zählen das Ich, die eigene Gruppe, die Nation oder Religion; die Nächstenliebe schließt den Fremden und Fernen aus. Die Vorstellung, dass es die eine Menschheit gibt und zu retten gilt, erscheint darin als Selbstgefährdung. "Wer Menschheit sagt, will betrügen", schrieb der demokratiefeindliche Staatsrechtler Carl Schmitt 1932; wenn der AfD-Politiker Gauland sagt, seine Partei verteidige nicht das universell denkende Christentum, sondern "das traditionelle Heimatgefühl", geht das in die gleiche Richtung.

Das ist ein in sich stimmiges Gedankengebäude. Nur: Mit dem Realismus, den es angeblich vertritt, hat es nichts zu tun. In einer komplexen Welt sind komplexe und offene Gemeinschaften erfolgreicher als nach außen abgeschlossene. Wer auf Uniformität, Macht und Konflikt setzt statt auf den Ausgleich der Interessen und Kooperation, dem gelingt es seltener, Konflikte produktiv durchzustehen. Ein Egoist holt nicht automatisch das Beste aus einer Gemeinschaft heraus - im Gegenteil. Egoismus macht einsam, persönlich wie politisch. Polen und Ungarn werden zunehmend Probleme mit der EU bekommen, wenn sie sich nicht an die Grundprinzipien der Gemeinschaft halten. Der Brexit und Trumps Regierungszeit werden Großbritannien und die USA viel Geld und Ansehen kosten. Zusammenbrechen werden beide Länder nicht - schlechter dastehen als zuvor wahrscheinlich schon.

Vernunft braucht eine utopische Seite - und Utopie eine vernünftige

Es gibt also gute Gründe, gegen die Verachtung des Ethischen und Utopischen Einspruch zu erheben. Es war auch die moralische Empörung, die der Sklaverei in den USA einst ein Ende bereitete, die Unterdrückung von Frauen in den Blick rückte. Es war auch das schlechte Gewissen der Reichen im Norden, das nun die Bekämpfung des Hungers als Ziel aller Menschen erscheinen lässt. Humanität ist keine Duselei, das zeigen die Flüchtlingsströme. Nur wer die Verhältnisse in den armen Staaten verbessert, hält Menschen davon ab, in Richtung der reichen Länder aufzubrechen. Die Verbesserung der Welt ist möglich, in einem langen, komplexen, auch paradoxen Prozess. Sie kommt aber nie von alleine. Sie kommt, wenn Menschen sich nicht mit dem zufriedengeben, was ist, und anfangen, die Zustände zu ändern.

Eine wichtige Kontrolle allerdings brauchen Moral und Utopie: die Vernunft. Sie ist zum Beispiel bei Immanuel Kant, dem großen Aufklärer, nicht einfach die pragmatische Abschätzung der Gegebenheiten und Möglichkeiten. Sie hat Ziele und Maximen. Und so, wie die Vernunft eine utopische Seite braucht, benötigt die Utopie auch eine vernünftige Seite. Sie weiß: Die Vision von der großen, in Harmonie lebenden Menschheitsfamilie hat keinen Platz auf dieser Erde. Wer diesen Frieden auf Erden predigt oder gar behauptet, den Weg dorthin zu kennen, dem ist mit höchstem Misstrauen zu begegnen. Genauso aber wie dem, der unvernünftig, wie er ist, die Kraft dieser Visionen leugnet.

Es ist ja interessant zu sehen, wie gerade eine Gegenbewegung zum zeitweiligen Triumphzug des gruppenbezogenen Egoismus entsteht. Jugendliche und junge Erwachsene gehen für die europäische Idee auf die Straße. Es ist eine Bewegung der utopischen Vernunft, gegen die Moralverachtung.

Man sollte ihnen Pfingstgeist wünschen. Der hat ja auch nicht alles gut gemacht, im Gegenteil. Er ließ die Jünger ahnen, was werden könnte mit der Welt. Dann war er wieder da, der Alltag. Doch er war anders als zuvor.

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