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Doppelanschlag in Norwegen:Angriff auf eine offene Gesellschaft

Norwegen ist ein liberales, unbekümmertes Land, das auf bürgerliche Freiheiten besonders stolz ist - einzig die US-Botschaft in Oslo ist gegen Terroranschläge geschützt. Falls sich der Zusammenhang zwischen den beiden Attentaten in der Innenstadt und in einem Jugendcamp bestätigt, dann spricht das für den perfiden Terrorplan eines Täters, der genau wusste, dass er eine verwundbare Gesellschaft treffen würde.

"Es war ein gewaltiger Knall, und jedem war sofort klar, dass das kein Unfall ist" - so beschreibt ein Augenzeuge der Süddeutschen Zeitung am Telefon den Anschlag, der am Freitagnachmittag die norwegische Hauptstadt Oslo erschüttert. Noch in einer Kirche ein paar Straßen weiter seien die Fenster zersplittert.

Die Explosion vor Oslos Staatskanzlei war so heftig, dass Autos durch die Luft geschleudert wurden. Viele Büros im Regierungsviertel sind zerstört.

(Foto: AP)

Der Lehrer, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, war gerade auf dem Nachhauseweg. Er arbeitet nur 200 Meter von dem Ort entfernt, an dem die Bombe explodierte. "Es ist das Herz von Oslo", sagt er über den Ort der Explosion. Es ist das Regierungsquartier, hier befinden sich Ministerien, der Sitz der Regierung, die Redaktionen von mehreren Zeitungen und Fernsehsendern. "Wenn man das Land politisch treffen will, dann ist das der richtige Ort", sagt der Augenzeuge, "das Parlament ist nur einen Steinwurf entfernt."

Dass es den Tätern genau darum gegangen sein dürfte, zeichnet sich im Laufe des Abends immer deutlicher ab. Während in Oslo noch die Rauchschwaden zwischen den mit Scherben übersäten Straßen Akersgata und Grubbegata stehen, kommt von der idyllischen Insel Utoya die nächste Schreckensnachricht: Ein Mann, bekleidet mit einer Polizeiuniform, schießt um sich. Die Jugendorganisation der Sozialdemokraten, der Partei von Ministerpräsident Jens Stoltenberg, hält dort gerade mit mehr als 500 Teilnehmern ihr Sommercamp ab.

Verzweifelte Jugendliche versuchen mit Botschaften im Internet-Nachrichtendienst Twitter, ihre Freunde und Familien davon abzubringen, sie auf dem Handy anzurufen. Sie haben sich versteckt und fürchten entdeckt zu werden. Andere springen ins Wasser, schwimmen um ihr Leben - ans Festland, das Sicherheit verheißt. Die Polizei spricht am späten Freitagabend von neun oder zehn Opfern - ein Massaker. Am Samstagmorgen ist die Zahl auf mehr als 80 gestiegen.

Spätestens als das Büro Stoltenbergs bestätigt, dass der Ministerpräsident am Samstag zu den Teilnehmern sprechen sollte, liegt ein Zusammenhang nah. Wenig später bestätigt die Polizei den Verdacht. Sie hat Stoltenberg an einem geheimen Ort in Sicherheit gebracht, fürchtet, dass noch mehr Bomben hochgehen könnten, noch mehr Attentäter darauf warten, Menschen zu ermorden.

"Was ihr gesehen habt, ist nur der Anfang."

Wenn sich der Zusammenhang zwischen den beiden Anschlägen erhärtet, dann spricht das für Planung, für einen lange ausgeheckten Terrorplot. Im Internet kursiert schon ein Bekennerschreiben, das Islamisten als Täter vermuten lässt. Die New York Times berichtet unter Berufung auf den Terrorexperten Will McCant, eine Gruppe namens Ansar al-Jihad al-Alami, zu deutsch Helfer des Globalen Dschihad, habe die Anschlägen als ihr Werk ausgegeben.

Es hört sich plausibel an: Sie suchten Vergeltung für die Präsenz norwegischer Truppen in Afghanistan und für Beleidigungen des Propheten Mohammed, übersetzt McCant die Botschaft der Islamisten. "Wir haben seit Stockholm vor neuen Operationen gewarnt", heißt es in dem Statement - offenbar ein Bezug auf die Anschläge vom 11. Dezember vergangenen Jahres, bei denen zwei Passanten und ein Selbstmordattentäter starben. Und die Gruppe droht unverhohlen: "Was ihr gesehen habt, ist nur der Anfang."

Doch die norwegischen Ermittler glauben nicht an internationalen Terrorismus. Offenbar kennen sie den Mann, den sie auf Utoya festgenommen haben und noch am Abend in der Hauptstadt verhören. Wahrscheinlicher sei eine lokale Variante, die sich gegen das derzeitige politische System wende, meldete die Nachrichtenagentur NTB am späten Abend unter Berufung auf die Ermittler. Doch wer immer die Bombe vor dem Ölministerium platziert hat, wusste, dass er eine verwundbare Gesellschaft treffen würde - wie auch der Todesschütze aus dem Jugendlager, ein Norweger.

"Wir sind stolz darauf, ein offenes Land zu sein", sagt der Lehrer, der das Attentat beobachtet hat. "Der Ministerpräsident geht hier ins Kino wie jeder andere Mensch auch. Ich hätte jeden Tag in einem der Ministerien anklopfen und vorbeigehen können." Als einziges offizielles Gebäude in Oslo ist die US-Botschaft gegen Terroranschläge geschützt - weshalb sie auch "Festung Amerika" genannt wird.

Diese Offenheit, sie ist nun zutiefst erschüttert. Sieben Menschen haben Terroristen im Herz dieser liberalen, unbekümmerten Hauptstadt getötet, und dass es nicht mehr gewesen sind, ist wohl nur einem glücklichen Zufall geschuldet. "Normalerweise sind die Straßen zu dieser Tageszeit voll", sagt der Lehrer, "da gehen die Leute gerade nach Hause." Der Juli aber ist in Norwegen Ferienmonat.