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Dominic Cummings:Exiteer aus 10 Downing Street

Der Chefberater des Premiers und Brexit-Stratege zieht sich zurück. Bei der Entscheidung soll auch Boris Johnsons Verlobte eine Rolle gespielt haben.

Von Alexander Mühlauer, London

Es war schon spät am Donnerstagabend, als im Londoner Regierungsviertel endlich Gewissheit herrschte: Nach einem Tag voller Spekulationen und Gerüchte gab Dominic Cummings kurz vor 23 Uhr seinen Rücktritt bekannt. Der umstrittene Chefberater von Premierminister Boris Johnson erklärte dem Sender BBC, dass er vorhabe, sich zum Jahreswechsel aus 10 Downing Street zurückzuziehen. Später wurde klar: Cummings geht sofort. "Meine Position hat sich seit meinem Blog vom Januar nicht geändert", sagte er. Damals hatte Cummings geschrieben, dass er sich zum Ende des Jahres 2020 selbst "überflüssig" machen werde.

Überflüssig? Das war Cummings lange Zeit nicht, schon gar nicht für Boris Johnson. Der Chefberater galt bislang als engster Vertrauter des Premiers. Johnson war so sehr auf ihn angewiesen, dass er sich sogar hinter Cummings stellte, als dieser die Corona-Regeln während des Lockdowns im Frühjahr gebrochen hatte. Der 48-jährige Politstratege erfand für Johnson nicht nur den Slogan "Get Brexit done" und verhalf ihm damit zu einem triumphalen Wahlsieg. Er sorgte auch dafür, Ministerien zu entmachten, und zog alle wichtigen Entscheidungen an sich. Regierungsbeamte begegneten ihm mit einer Mischung aus Respekt und Angst. Der Vordenker der "Vote Leave"-Kampagne beim Brexit-Referendum war nicht nur Scharfmacher, er war auch Kontrollfreak.

Eine undichte Stelle soll den Bruch mit Premier Johnson deutlich gemacht haben

Doch seit Ausbruch der Corona-Pandemie hatte Cummings eben diese Kontrolle immer mehr verloren. Sein mitunter garstiger Stil, seine Attacken auf politische Gegner innerhalb der Konservativen Partei und seine kompromisslose Ihr-könnt-mich-mal-Haltung haben Johnson am Ende dermaßen unter Druck gesetzt, dass er sich nun offenbar davon befreien wollte. Ausschlaggebend für den endgültigen Bruch zwischen dem Premier und seinem Chefberater soll laut britischen Zeitungen eine undichte Stelle gewesen sein, für die Johnson nun offensichtlich Cummings verantwortlich gemacht hat.

Eigentlich hatte der Premier vorgehabt, den zweiten englischen Lockdown am Montag vor einer Woche zu verkünden. Doch daraus wurde nichts, denn bereits am Freitag zuvor hatten die Zeitungen Times und Daily Mail sowie der Fernsehsender Sky im Detail über Johnsons Pläne berichtet. Der Premier war darüber so verärgert, dass er eine regierungsinterne Untersuchung anordnete, die Quelle für das Leak ausfindig zu machen. Nun scheint Johnson den Übeltäter in seinem Chefberater gefunden zu haben. Bereits am Tag vor Cummings' Rückzugsankündigung war dessen Vertrauter Lee Cain als Kommunikationschef des Premiers zurückgetreten. Britischen Medienberichten zufolge sollen die beiden für das Leak verantwortlich gewesen sein. Cummings und Cain wiesen diese Anschuldigung jedoch entschieden zurück.

Johnsons Verlobte machte ihm klar, dass es einen neuen Politikstil braucht

Mit dem Abgang der beiden überzeugten Brexiteers verliert die sogenannte "Vote Leave Gang" ihre Machtbasis in 10 Downing Street. Eine nicht zu unterschätzende Rolle bei Johnsons Entscheidung, Cummings fallen zu lassen, spielte seine Verlobte Carrie Symonds. Die frühere Kommunikationschefin der Konservativen Partei soll ihrem Partner ziemlich unmissverständlich klargemacht haben, dass er mit seinem recht aggressiven Politikstil an Beliebtheit einbüßt. Erst vor Kurzem stellte Johnson deshalb Symonds' Freundin Allegra Stratton ein. Die frühere Journalistin soll von Januar an tägliche Pressebriefings nach dem Vorbild des Weißen Hauses leiten. Dem Vernehmen nach will sie das in einem weniger konfrontativen Stil machen.

Wie es aussieht, hat Johnson auf seine Verlobte Symonds gehört. Er will offenbar weg von einer "Macho-Atmosphäre", die unter Cummings in Downing Street geherrscht haben soll. Auch inhaltlich will sich der Premier neu erfinden: Johnson möchte Großbritannien grüner machen. Der UN-Klimagipfel, der im kommenden Jahr in Glasgow stattfindet, soll ein großer Erfolg werden. Dafür will er nicht nur den neu gewählten US-Präsidenten Joe Biden auf seine Seite ziehen, sondern möglichst viele Staats- und Regierungschefs aus aller Welt.

Doch zunächst steht Johnson vor einer Entscheidung, die die Zukunft seines Landes für lange Zeit prägen wird: Will er nun ein Handelsabkommen mit der EU - oder nicht? Gelingt nicht bald eine Einigung, droht zum Jahreswechsel ein "No Deal". Damit Bewegung in die Verhandlungen kommt, müsste Johnson sich bewegen. Regierungsinsider rechnen damit, dass es nun nach Cummings' Rückzug so weit sein könnte. Cummings wies diese Spekulationen zurück. Gerüchte, wonach die Brexit-Verhandlungen mit seinem Abgang zu tun hätten, wären erfunden und würden all jenen, die wüssten, was in 10 Downing Street passiere, komisch vorkommen.

© SZ/lalse
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