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Diskussion um Doping-Vorwürfe:Ein Lehrstück russischer Propaganda

Seppelt

Noch wirkt das Gespräch friedlich: Hajo Seppelt mit der russischen Journalistin Olga Skabejewa.

(Foto: Screenshot)
  • Die Recherchen des Journalisten Hajo Seppelt könnten dazu führen, dass russische Leichtathleten nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen können.
  • Ein Interview mit dem russischen Staatsfernsehen eskaliert - schließlich steht Seppelt als unglaubwürdiger Rüpel da.
  • Selbst das russische Außenministerium äußert sich zu dem Vorfall.

Stimmungsmache ist ihr Geschäft. Die russische Journalistin Olga Skabejewa arbeitet schon seit mehreren Jahren für den staatlichen Fernsehsender "Rossija 1". In ihren Beiträgen für das Nachrichtenmagazin Vesti stellt sie immer wieder waghalsige Thesen auf: Kinder von Homosexuellen litten an Geschlechtskrankheiten beispielsweise. Im vergangenen Jahr verunglimpfte sie einen Professor aus den USA als Spion.

Hajo Seppelt wusste offenbar nicht, worauf er sich einließ, als er einem Interview mit Skabejewa zustimmte. Der deutsche Journalist hatte in mehreren Fernsehbeiträgen systematisches Doping in Russland dokumentiert. Skabejewa war mit einem Kamerateam nach Köln gereist, um über Seppelts jüngste Recherchen zu sprechen, die Russland schweren Schaden zufügen könnten. Demnach soll der wegen der Vertuschung von Dopingfällen gesperrte Geher-Trainer Viktor Tschegin entgegen der Beteuerungen Russlands immer noch aktiv sein. Das wäre ein schwerer Verstoß gegen die Auflagen des Weltverbands IAAF. Die Teilnahme russischer Leichtathleten bei den Olmypischen Spielen im August in Rio de Janiero stünde damit noch mehr auf der Kippe.

Man habe Seppelt lediglich einige konkrete Fragen stellen wollen, heißt es in der Ankündigung des russischen Nachrichtensprechers. Der anschließend eingeblendete Beitrag zeigt Teile des Interviews zwischen Skabejewa und Seppelt. Immer wieder fragt sie ihn, ob sie seine Aufzeichnungen einsehen könnte. Seppelt ist überrascht von der Frage, erklärt, dass er sie nicht bei sich habe. "Das ist sehr wichtig für uns", sagt Skabejewa. "Es kann sein, dass wir nicht an Oylmpia teilnehmen können." Warum ihr das so wichtig sei, ob sie mit einem der Athleten befreundet sei, fragt Seppelt. Sie versuche "Freund ihres Landes zu sein", antwortet Skabejewa. Zwischen den beiden entwickelt sich ein heftiger Schlagabtausch: Als Journalistin müsse sie unabhängig sein, sagt Seppelt. Skabejewa fragt ihn, ob er bezahlt worden sei, die Fernsehbeiträge zu machen.

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Dann erfolgt ein harter Schnitt im Video. Seppelt ist zu sehen, im Hotelzimmer stehend, den farbigen Überzug des Mikrofons in der Hand. Die Situation eskaliert. Er bittet das Fernsehteam, zu gehen. Skabejewa fragt ihn, warum er so aggressiv reagiere. Dann passiert das, was von ihr möglicherweise beabsichtigt war: Seppelt rastet aus, nennt sie eine "dumme Journalistin, die stolz auf ihr Land ist, trotz Korruption und Betrug." Schließlich schiebt er sie aus dem Hotelzimmer.

Außenministerium stellt sich hinter Journalistin

Rossija 1 hat das Video online gestellt. "Autor des ARD-Films beleidigt Olga Skabejewa und stößt sie zur Tür hinaus", so die Überschrift. Eine Intonation, die kremlfreundliche Medien aufgreifen. Seppelt, ein unglaubwürdiger Rüpel aus dem Westen, der Russland schaden will. Ihm gegenüber steht die russische, hartnäckige Journalistin. Das ist das Narrativ, dass den russischen Zuschauern geliefert wird.

Hajo Seppelt glaubt, dass das von vornherein so geplant war. In einem Interview mit dem unabhängigen russischen Fernsehsender Doschd erzählt er seine Version vom Ablauf des Interviews. "Am Anfang war es noch okay - doch dann begann sie, diese komischen Fragen zu stellen", sagt er. Die Kameramänner hätten ständig gefilmt, auch private Dinge. Zu Beginn des Beitrags wird die Einrichtung des Hotelzimmes gezeigt und Klamottenhaufen auf dem Tisch. "Skabejewa wollte mich lediglich in ein Gespräch verwickeln. Es ging nicht um das Interview und auch nicht um den Film, sondern vor allem um mich als Person", so Seppelt.

Zehnmal habe er die Journalistin und ihr Team aufgefordert, das Zimmer zu verlassen. Weil sie dem nicht nachgekommen seien, habe er angeboten, das Equipment nach draußen zu tragen. Die Kamera sei die ganze Zeit eingeschaltet gewesen - auch nachdem er immer wieder "Stop" gerufen habe. "Es war als ob Papparazzi einen Filmstar verfolgen."

Die Geschichte hat mittlerweile die Politik erreicht. Sogar das russische Außenministerium äußert sich zu dem Fall und nutzt die Gelegenheit, sich als Schutzpatron der Pressefreiheit zu inszenieren. "Wir hätten nie gedacht, dass wir an diesem Punkt der Geschichte russische Journalisten vor Angriffen staatlicher Strukturen, Extremisten und Vertretern politischer Bewegungen in anderen Ländern verteidigen müssen", sagte die Sprecherin Maria Sacharowa. Skabejewa habe keine Frage gestellt, die ein solches Verhalten rechtfertige.

Am 17. Juni will der Weltverband IAAF über das Schicksal der russischen Leichtathleten entscheiden. Sollten sie nicht an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfen, ist der Schuldige sicher schnell gefunden.

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