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Diplomatie:Worte statt Knüppel

Zuletzt hat sich der Grenzkonflikt zwischen China und Indien wieder drastisch zugespitzt. Nun treffen sich die beiden Außenminister.

Von David Pfeifer

Niemals aufgeben: Indische Soldaten haben das Banner am Pangong-See in der indischen Region Ladakh nahe der chinesischen Grenze aufgestellt. Dort kam es in diesem Jahr schon mehrmals zu militärischen Auseinandersetzungen.

(Foto: Manish Swarup/AP)

Es ist ein sehr kleiner Teil einer Grenze, die insgesamt mehr als 3500 Kilometer lang ist. Aber was sich derzeit im Gebiet des Himalaja zwischen China und Indien zuspitzt, kann schnell drastische Auswirkungen für einen großen Teil der Weltbevölkerung haben, wenn nicht für die ganze Welt.

Am Montag haben indische Soldaten am Pangong-See die Grenze überschritten und Warnschüsse abgegeben. China warf Indien eine "schwerwiegende militärische Provokation" vor. Indien wiederum beschwerte sich über "aggressive Manöver" der chinesischen Truppen. Schon in den vergangenen Monaten war es zu Scharmützeln gekommen. Indien ließ daraufhin mehrere Apps chinesischer Anbieter blockieren, darunter das beliebte soziale Netzwerk "Tiktok", das auch in den USA ins Zentrum des Konflikte mit Peking gerückt ist.

Um die Auseinandersetzung zu entschärfen, treffen sich nun der chinesische Außenminister Wang Yi und sein indischer Kollege Subrahmanyam Jaishankar an diesem Mittwoch in Moskau. Es ist anzunehmen, dass die Diplomaten etwas weniger grob miteinander umgehen werden, als die Soldaten, die sich gegenseitig mit Knüppeln aus den Bergen geschlagen haben sollen. Immerhin war Subrahmanyam Jaishankar unter anderem Indiens Botschafter in China, bevor er im Mai 2019 zum Außenminister berufen wurde. Andererseits ist Jaishankar, 65, ein Mann klarer Worte.

Besucht man Jaishankar im sogenannten South Block im prachtvollen Regierungsviertel von Delhi, geht man über holzgetäfelte Flure unter verzierten Decken, vorbei an Innenhöfen, bis man einen Konferenzsaal erreicht, in dem Subrahmanyam Jaishankar Journalisten empfängt. Nur die Klima-Anlagen geben einen Hinweis darauf, dass die Zeit nach der Kolonial-Ära nicht stehen geblieben ist.

Es geht in dem Konflikt weniger um Raum oder Bodenschätze, sondern um Machtfragen

"Wir haben ein sehr ambivalentes Verhältnis zu den Engländern" erklärte Jaisahankar bei diesem Journalisten-Besuch vor etwa einem Jahr, "weil wir sie als Kolonialsten kennen gelernt haben. Andererseits würden wir keine gemeinsame Sprache sprechen, wenn die Briten nicht wären." Von den weiteren Hinterlassenschaften der Briten wird gleich noch die Rede sein. Subrahmanyam Jaishankar spricht ein besonders scharf geschliffenes Englisch, nicht nur was den Ausdruck angeht. Auf China angesprochen, erwiderte Jaishankar bei dem Besuch:"Das ist keine Demokratie. Das wissen Sie doch selbst am besten." Der Vertreter von 1,3 Milliarden Menschen im Land und 30 Millionen Auslands-Indern ist stolz darauf, die zahlenmäßig größte Demokratie der Welt zu vertreten, doch zu viel Mitsprache kann aus seiner Sicht ein Hemmschuh sein, auch das schwingt in seinen Ausführungen mit.

Wenn Subrahmanyam Jaishankar nun den South Block verlässt, um in Moskau auf Wang Yi zu treffen, dann geht es in Wahrheit um einen sehr alten Konflikt. 1962 kam es an der Grenze zuletzt zu kriegerischen Auseinandersetzungen, bei den jüngsten Konflikten im Galwan-Tal sind in den vergangenen Wochen und Monaten bereits etwa 20 indische und über 40 chinesische Soldaten ums Leben gekommen. Genauere Zahlen gibt es nicht, da vor allem die chinesische Seite keine Informationen dazu Preis gibt. Auch muss man sich die Kampfhandlungen nicht wie in Kriegsfilmen vorstellen, wo sich Soldaten über Kilometer in Schützengräben gegenüber liegen und beschießen. Die Grenze, die hier von den Briten eingezeichnet wurde, als sie ihre Kolonialgebiete aufgaben und die Region in Konflikte stürzte, die bis heute andauern, verläuft auf über 4000 Höhenmetern. Schon bei den ersten Scharmützeln im Juni dieses Jahres herrschten unter Null Grad. Das Gebiet ist schwer zugänglich und es gibt auch kaum etwas zu gewinnen, außer Fels. Es geht nicht so sehr um Raum oder Bodenschätze, sondern um Macht- und Einflussfragen.

Die gesamte Grenze zwischen China und Indien ist fast so lang wie alle deutschen Außengrenzen zusammen. Doch im Galwan-Tal im Himalaja verläuft sie zwischen dem von Indien kontrollierten Teil von Ladakh, Jammu und Kaschmir, sowie der chinesischen Region Aksai Chin, die eigentlich von Indien beansprucht wird. Der anderen Teil von Kaschmir ist in pakistanischer Hand, das sich wiederum mit China verbündet hat, während Indien gute Verbindungen zu den USA pflegt. Etwa 1,4 Milliarden Einwohner hat die Atommacht China, 1,3 Milliarden die Atommacht Indien. Immerhin noch gut 230 Millionen Einwohner die Atommacht Pakistan. Die Lage ist also nicht nur kompliziert und betrifft viele Menschen, sondern auch brandgefährlich. Dass der Konflikt nach mehr als 70 Jahren an diesem Mittwoch in Moskau gelöst werden kann, scheint eher unwahrscheinlich zu sein. Aber immerhin wird wieder miteinander gesprochen, anstatt mit Knüppeln aufeinander los zu gehen.

© SZ vom 10.09.2020

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