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Diplomatie:Paris ist keine Sünde wert

Irans Präsident bekommt beim Besuch bei Frankreichs Präsident nichts zu essen. Grund dafür ist ein Streit über Alkohol - und ein französischer Kulturkampf.

Der Palast wiegelt ab. Eine Lappalie, so raunt es aus dem Élysée, sei gewesen, was dieser Tage das präsidentielle Protokoll über den Haufen warf. Amerikaner würden in solch einem Fall von einem "hiccup" sprechen. Das soll beschwichtigen, aber in der Tat kommt die Vorstellung eines Schluckaufs jenem Vorgang näher, der den für Dienstag nächster Woche geplanten Besuch von Irans Staatspräsident Hassan Rohani überschattet.

Gastgeber François Hollande wollte den Iraner zum Mittagessen in den Festsaal seines Amtssitzes bitten. Nur verlangen Pariser Protokoll und nationale Lebensart, während des Mahls eine Auswahl edler französischer Weine zu kredenzen. Die diplomatischen Sittenwächter der Islamischen Republik waren schockiert - und verlangten eine Menü-Revolution: kein Alkohol, stattdessen ausschließlich nach islamischen Regeln (halāl) zubereitete Speisen. Ihr Präsident werde lieber hungern als sündigen, hieß es aus Teheran.

Da zeigte sich auch die Fünfte Republik von ihrer dogmatischen Seite. Ein Mittag- oder Abendessen mit Präsident, aber ohne Alkohol auf dem Tisch - das untergrabe die Prinzipien der Trennung von Religion und Staat. Im Namen des Laizismus verweigerte der Palast jedwede kulinarische Abrüstung. Köche, Kellermeister und die PR-Berater des Präsidenten wussten: Im Falle einer kleinsten Konzession hätte ihrem Dienstherren ein Kulturkrieg gedroht - daheim, auf dem Schlachtfeld französischer Innenpolitik nämlich.

Das, was die Kantinen der Republik im Élysée oder in Schulkantinen servieren, ist längst Zankapfel der Politik. Viele der mehr als fünf Millionen Muslime im Land verlangen, der Staat solle ihren Glauben respektieren - und deshalb ihren Kindern zu Mittag kein Schwein und auch kein anderes Fleisch von nicht im islamischen Sinne korrekt geschlachteten Tieren servieren. In vielen Städten Frankreichs gibt es deshalb an Tagen, da Schnitzel oder Schinken auf dem Speiseplan stehen, für muslimische Kinder ein Ersatzessen. Niemand soll in der Schule essen müssen, was ihm die Religion verbietet.

Nur, diese Toleranz bröckelt. Im Frühjahr sorgte die einsame Entscheidung des konservativen Bürgermeisters von Chalon-sur-Sâone, einer Kleinstadt im Burgund, für Aufsehen, der aus Kostengründen und im Namen des Laizismus keine Ersatzessen mehr offerieren wollte. Kritiker warnen, "la laïcité" dürfe nicht zu einer Waffe islamophober Diskriminierung verkommen. Aber inzwischen macht das Beispiel Schule: Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, der auf eine Rückkehr in den Élysée-Palast spekuliert, stärkte dem republikanischen Bürgermeister und Parteifreund den Rücken. Selbstverständlich hat auch der Front National die Kantinen als Kampfplatz entdeckt, um eine hinterhältige, durch den Magen gehende Islamisierung der Nation zu stoppen.

Kein Zweifel, ohne Alkohol zum Dejeuner hätte François Hollande der Vorwurf gedroht, Wein und Werte der Republik zu verraten. Der Palast bot dem iranischen Gast an, zum Frühstück ins Élysée zu kommen. Das jedoch wies Teheran als "zu billig" ab. So werden Hollande und Rohani am Dienstag über den Krieg in Syrien und andere Krisen beraten. Und nachher essen - getrennt.