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Diplomatie:Moskaus Wahrheiten

Rüdiger von Fritsch: Russlands Weg. Als Botschafter in Moskau. Aufbau-Verlag, Berlin 2020. 349 Seiten, 22 Euro.

Rüdiger von Fritsch, Botschafter in Russland von 2014-2019, ergründet Putins Denken und Handeln in der Krimkrise.

Von Renate Nimtz-Köster

Staatsterrorismus, Lügen, Verschwörungstheorien: Die Gräben zwischen Russland und Deutschland sind zum Abgrund geworden. Wie soll es weitergehen? Rüdiger von Fritsch, bis 2019 Deutschlands Botschafter in Moskau, folgert aus seiner hellsichtigen Analyse: Haltung bewahren und im Dialog bleiben.

"Sind Sie auch so ein Russland-Versteher?" Kurz vor seiner Abreise nach Moskau, wo Rüdiger von Fritsch im März 2014 seinen Botschafterposten antreten sollte, stellte ein führender Berliner Regierungspolitiker dem Diplomaten diese Frage. Seit wenigen Wochen eskalierte damals, nach der Annexion der Krim, die Ukraine-Krise. Es war ein Start "zu Zeiten schwerster politischer Unwetter, Konfrontation pur, von Anfang an", so von Fritsch: "Verstehen heißt nicht billigen, aber den anderen zu verstehen und seine Motive zu begreifen - das ist die Voraussetzung erfolgreichen Handelns."

Dem Diplomaten, mütterlicherseits aus baltischer Familie, die zuhause die russische Kultur pflegte, ist beides offensichtlich gelungen. Er analysiert in seinem Buch "Russlands Weg" aus fünfjähriger Erfahrung die Politik des größten Landes der Erde bis hin zum Giftanschlag auf den Oppositionellen Alexej Nawalnij (dass dieser nicht mit Billigung von höchster Stelle ausgeführt wurde, kann von Fritsch sich nicht vorstellen) - klar und kritisch. "Die Position meiner Regierung zu vertreten, fiel mir nicht schwer." Von Fritsch war "empört über das, was russische Politik mitten im Frieden anrichtet." Beiden Seiten der deutschen Russland-Fraktionen, den "alles Verzeihenden Verständnisvollen" wie auch denjenigen, die der russischen Politik langfristig nur schlechte aggressive Absichten unterstellen, will von Fritsch mit seinem Buch über "Russlands Weg" Erklärungen anbieten.

"Erst hat man mit den kleinen grünen Männchen auf der Krim nichts zu tun, dann aber ist man es doch gewesen."

Unterschiedlichste Quellen geben der Analyse Farbe und Spannung. Entlang des historischen und gegenwärtigen Geschehens erzählt der Diplomat von vielfältigen Begegnungen: Mit Putin und seinem bärbeißigen Außenminister Sergej Lawrow, mit Alexej Miller, dem machtbewussten Chef von Gazprom, mit Studenten, einfachen Menschen, Wissenschaftlern, Ökonomen, Dissidenten, Journalisten.

Das stolze Land mache es einem nicht leicht, schreibt von Fritsch. Es sperre sich gegen den Fremden, ja wehre sich fast. Andere haben sich an ihm auszurichten. Mindestens 67 Mal in dessen Präsidentschaft habe Angela Merkel bei Putin angerufen - selbstverständlich rufe nicht etwa umgekehrt Putin an. Selbstverständlich war auch stundenlanges Warten deutscher Politiker auf vereinbarte Gespräche im Kreml oder in Putins Residenz, wo im schmuck- und geschmacklosen Raum weder Tee, Kaffee noch Wasser gereicht wurden. Ein Raum mit blauen Seidentapeten war hingegen der französischen rechtsextremen Marine Le Pen vergönnt.

Entscheidend für das Verständnis Russlands sei: "Wir haben unterschiedliche Vorstellungen von Wahrheit und deren Bedeutung". Zum zentralen Herrschaftsinstrument zählte schon zu Sowjetzeiten die Lüge - aber auch die Anpassung an das Leben mit doppelten Wirklichkeiten. Russische Soziologen fanden bei regelmäßigen Untersuchungen heraus: Bald 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion reproduziert der autoritäre Staat alte Verhaltensmuster. Es sei kein Widerspruch, dass die Menschen Vertrauen hätten in einen starken Staat und zugleich überzeugt sind, von der Obrigkeit ständig betrogen und belogen zu werden. Und die offensichtliche Lüge werde schulterzuckend oder sogar billigend hingenommen: "Erst hat man mit den kleinen grünen Männchen auf der Krim nichts zu tun, dann aber ist man es doch gewesen" (von Fritsch).

Die Gräben zum Westen taten sich mit der Annexion der Krim auf. Deutschland hatte sich zuvor beharrlich dafür eingesetzt, auf Russland Rücksicht zu nehmen. Der G-7-Gipfel wurde so zum G 8 erweitert, die Nato-Russland-Grundakte war die erste Vereinbarung mit einem einzelnen Land. Aber Russlands "Phantomschmerz" (Henry Kissinger) war immens. "Fleisch vom Fleische" war mit der Unabhängigkeit der Ukraine und Weißrusslands verloren gegangen. Der aus russischer Sicht kleine ukrainische Bruder sei stets überheblich angesehen worden, schreibt von Fritsch: "Unbeantwortet blieb die Frage, warum man dann über den kleinen Bruder so herfällt."

Russland, das reichste Land der Erde, mit Öl und Gas üppig ausgestattet, aber ohne breiten Wohlstand, fühle sich "umstellt und bedrängt", verbannt aus dem Kreis der Großen. Die geschrumpfte Weltmacht will zurück an den Tisch der Weltmächte - wie seinerzeit in Jalta. "Putin geht es erkennbar um einen Platz im Geschichtsbuch", so von Fritsch. Die Beteiligung am Syrienkrieg ist ein Mittel hierzu. "Russland hat kein abstraktes Harmoniebedürfnis," weiß der nun pensionierte Botschafter, "es hat Interessen." Seine schwierige Arbeit habe er sehr gern gemacht, er ist dem Land selbst noch näher gekommen.

Was die unterschiedlichen Fraktionen der Putin-Versteher vereint, fordert auch von Fritsch: Den Dialog "ganz unbedingt aufrechterhalten". Dazu gehöre zweierlei: Eine klare, an Prinzipien orientierte Haltung, die die Dinge beim Namen nennt und bereit ist, mithilfe entschlossener wie geschlossener westlicher Reaktion - mit Sanktionen - russischer Aggression Grenzen zu ziehen. Und zum anderen eine uneingeschränkte Bereitschaft, "im Dialog sicherzustellen, dass wir auf dieser großen eurasischen Landmasse gemeinsam in eine gedeihliche Zukunft gehen können".

"Herr Präsident, wie sehen Sie die Zukunft der deutsch-russischen Beziehungen?" fragte der Botschafter im Abschiedsgespräch. Putins Antwort: Helmut Kohl habe einst gesagt, in zwanzig oder dreißig Jahren würden China und Indien stark geworden sein und die USA ihren eigenen Weg gehen. Dann werde es gar keine andere Chance geben, als dass Russland und das übrige Europa zusammenarbeiten: "Und sehen Sie, Herr Botschafter, da stehen wir heute."

© SZ vom 13.10.2020
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