bedeckt München

Die neue Taktik der Taliban:Zivilisten im Visier

Ein abgefangener Brief des Taliban-Anführers Mullah Omar legt eine beängstigende Schlussfolgerung nahe: Die Taliban ändern ihre Taktik - Zivilisten sollen nicht mehr geschont werden. Der Brief erhält auch Reaktionen auf die schwarze Liste der UN.

Janek Schmidt

Der Fund war überraschend, und er könnte eine weitere Wende im Krieg um Afghanistan anzeigen. Kurz vor Auftakt der Kabuler Konferenz hat die Nato nach eigenen Angaben einen Brief des Taliban-Anführers Mullah Omar aus seinem mutmaßlichen Versteck in Pakistan abgefangen, in dem er seinen Kommandeuren in Afghanistan Instruktionen erteilt. Das Rätselraten über den Brief ist groß, denn wenn er echt ist, legt er eine beängstigende Schlussfolgerung nahe: Die Taliban ändern ihre Taktik.

Mullah Omar

Der Taliban-Anführer Mullah Omar stachelt nun offenbar aus seinem Versteck in Pakistan den Kampf der Taliban an.

(Foto: AP)

Die fünf Anweisungen von Omar umfassen zunächst die gewohnten Aufträge, fremde Soldaten zu entführen, Kämpfer mit Zugang zu Nato-Informationen zu rekrutieren und mehr schwere Waffen wie Flugabwehrkanonen zu beschaffen. Doch dann trägt der Rebellenchef seinen Anhängern auf: "Tötet alle Afghanen, die ausländische Soldaten unterstützen, und alle afghanischen Frauen, die den fremden Truppen helfen."

Das Sonderbare an dem Befehl ist, dass er einer Abkehr vom Taliban-Kodex gleichkommt, den Omar Berichten zufolge im vergangenen Juli selbst verfasste, als er anordnete: "Zivile Opfer sollten unter allen Umständen vermieden werden."

"Ziemlich sicher echt"

Haroun Mir, der die Analyse-Organisation Afghanistan's Center for Research and Policy Studies in Kabul leitet und für das nationale Parlament kandidiert, sagt zu dem Brief: "Er ist ziemlich sicher echt, da die Taliban die Nachricht sonst schon dementiert hätten." In der Vergangenheit habe Mullah Omar auch Tonbänder verwendet, um Botschaften zu übermitteln. Aber die neuen Befehle gingen an die Schattengouverneure der Taliban in fast allen Provinzen, die die Nachricht an ihre Kommandeure weiterleiteten. Für so ein großes Netzwerk brauche Omar einen fotokopierten Brief.

So nutzte die Nato umgehend ihren Geheimdienst-Erfolg und verkündete, dass Omars Schriftstück den Verhaltenskodex der Taliban als alte Propaganda enttarne und zeige: "Die Taliban haben damit begonnen, Menschen anzugreifen, die sich in den Dienst der Bevölkerung stellen." In der Tat ergibt eine neue Untersuchung der unabhängigen Beobachtergruppe Afghanistan Rights Monitor, dass islamistische Rebellen in den ersten sechs Monaten dieses Jahres 661 Zivilisten und damit zehn Prozent mehr als im Vergleichszeitraum 2009 umbrachten. Weil Nato-Soldaten zugleich ein Drittel weniger Zivilisten töteten als im Vorjahr, sind die Taliban inzwischen für den Tod von 61 Prozent der zivilen Kriegsopfer verantwortlich.

Dementsprechend besorgt ist Haroun Mir, denn mit dem Brief verschickte Omar auch Listen mit Namen von Menschen, die die Taliban umbringen wollen. "Das ist ihre Reaktion auf die schwarze Liste der UN, auf der 137 Taliban-Führer stehen", sagt Mir. Während die Aufständischen ihren Einfluss auf weitere Provinzen ausweiteten, verstärkten sie ihre psychologische Kriegsführung, um die Einwohner zu verunsichern. "Ich kenne einige Menschen, die Angst bekommen haben", sagt Mir, "weil wir die exakten Listen der Taliban nicht kennen und uns fragen, wer da genau draufsteht."

© SZ vom 21.07.2010/ehr

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite