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Die Medien-Karriere von Seamus Romney:Auf den Hund gekommen

Es ist ein unvergessener Urlaub für die Romneys: 1983 schnürte Vater Mitt die Kiste mit Hund Seamus auf das Autodach und los ging es in Richtung Kanada. Seit Romney ins Weiße Haus einziehen will, bewegt der Vorfall Tierfreunde und Journalisten. Neben dem üblichen Spott fragen sich einige, was die Episode über den Charakter des Multimillionärs verrät.

Matthias Kolb, Washington

Für einige Stunden war das Umfrageergebnis ein wichtiges Thema in der Polit- und Medienszene Washingtons. 20 Prozent der Wähler hätten eine positive Meinung über die Art, wie Mitt Romney mit Hunden umgehe, während 29 Prozent der Befragten ihr Missfallen ausgedrückt hätten, teilte Public Policy Polling per Pressemeldung mit. Das Ergebnis des Meinungsforschungsinstituts zeigt auch, dass es der Hälfte der Amerikaner so geht wie allen Deutschen: Sie haben keine Ahnung, weshalb diese Frage wichtig sein sollte.

Doch es gibt Menschen wie Scott Crider und Gail Collins, die sich seit Jahren diesem Thema widmen. Crider hat bereits 2007, als der Multimillionär das erste Mal Präsidentschaftskandidat war, den Blog "Dogs against Romney" gestartet, über den er T-Shirts und Poster mit Slogans wie "I ride inside" verkauft und zu Protestaktionen aufruft. Bei Facebook hat "Dogs against Romney" fast 40.000 Fans.

Wie viele andere Tierfreunde auch war Crider entsetzt, als er vor fünf Jahren einen Artikel im Boston Globe las. Weil der Chevrolet der Romneys mit Ehefrau Ann, den fünf Söhnen und Gepäck so voll war, blieb für den Familienhund, einen Irish Setter namens Seamus, nur Platz auf dem Autodach - in einer Transportkiste wohlgemerkt. Während der Kontrollfreak Romney die Pinkelpausen für seine Familie genau vorgeplant hatte, war Seamus weniger diszipliniert: Mitten auf dem Highway bemerkten die Jungs kreischend, dass sich der Hund erleichtert hatte. Vater Romney hielt bei der nächsten Tankstelle an, beseitigte das Malheur und setzte die Fahrt fort.

Die Journalisten des Globe wollten Mitt Romney keineswegs als Unmenschen zeigen: Sie wählten die Episode als Beleg für eine Fähigkeit des Ex-Gouverneurs, die ihm im Geschäftsleben stets geholfen habe: "emotionsloses Krisenmanagement". Doch mittlerweile wird der längst verstorbene Seamus Romney (hier im Bild) für sein früheres Herrchen zur Belastung. Über den Twitter-Account @SeamusRomney verbreitet ein Spaßvogel Botschaften im Namen des Setters, Websites wie Politico sammeln die "Sieben besten Witze zu Mitt Romneys Hund", bei Youtube kursieren Solidaritätsvideos und auch die bereits im Wahlblog gefeierte "The Real Romney"-Rap-Parodie spielt auf die Seamus-Episode an .

Für viel Aufsehen sorgte vor einigen Wochen das Titelbild des New Yorker, das Romney am Steuer zeigt - und in der Hundehütte auf dem Dach sitzt Konkurrent Rick Santorum. Besonders hartnäckig widmet sich die New York Times-Journalistin Gail Collins dem Thema: In mehr als 50 ihrer Sonntagskolumnen hat sie Seamus erwähnt. Die Spürhunde von PolitiFact, die im Allgemeinen den Wahrheitsgehalt von Politikeraussagen überprüfen, haben Collins bescheinigt, den Sachverhalt inhaltlich richtig wiederzugeben. Collins gibt keine Interviews, doch in der Kolumne vom 12. März wird ihre Überzeugung deutlich, dass die Episode aus dem Jahr 1983 viel über Romneys Charakter verrate.

Drei Kinder - eines davon ist ein Hund

Ähnlich äußerte sich jüngst John Brabender, ein prominenter Santorum-Unterstützer: "Ehrlich gesagt, ich weiß nicht, ob ich dem Ratschlag eines Typen zuhören möchte, der seinen Hund aufs Autodach gebunden hat und dann den Highway runtergefahren ist."

Natürlich ist die Episode von Seamus auf dem Dach ein besonders absurdes Beispiel für die Atemlosigkeit der Politberichterstattung, wie sie Amerika in Zeiten von Internet, Twitter und mehreren konkurrierenden Nachrichtenkanälen erlebt. Aber die Strategen der Demokraten werden immer wieder an den Irish Setter erinnern, weil sie wissen, wie viel ihren Landsleuten Hunde und Katzen wert sind: 2011 wurden in den USA mehr als 50 Milliarden Dollar für Haustier-Equipment ausgegeben. Einer anderen Umfrage zufolge lassen 42 Prozent der Amerikaner ihre Vierbeiner im eigenen Bett übernachten. Zudem senden Tierschutzorganisationen vor jeder Präsidentschaftswahl Wahlempfehlungen an ihre Mitglieder.

Einen Vorgeschmack auf einen tierischen Wahlkampf Romney vs. Obama gab an diesem Montag First Lady Michelle, die in der Talkshow von David Letterman zu Gast war. Dort bezeichnete sie Bo, den Portugiesischen Wasserhund der Obamas, als ihren Sohn: "Ich habe zwei Mädchen und einen Jungen."

Und was denken die Amerikaner über die Tierliebe ihres Präsidenten? Die eingangs zitierte Umfrage von Public Policy Polling ergab, dass 44 Prozent der Befragten der Meinung waren, dass sich Barack Obama gut um Bo kümmere. Schlechte Noten erhielt er von 14 Prozent. Und bei der Frage, wer der bessere Präsident für Hunde wäre, entschieden sich 37 Prozent für Obama und nur 21 Prozent für Romney.

Linktipp: Im Dezember 2011 stellten Journalisten des Wall Street Journal Mitt Romney in einem Video-Interview einige Fragen zu Seamus Romney. Man achte auf die scheppernde Lache des Multimillionärs.

© Süddeutsche.de/segi

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