Die Grünen in der Opposition Gute, riskante Strategie

Die Grünen: Die Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt mit den Parteivorsitzenden Simone Peter und Cem Özdemir

Die Grünen geben sich in der Opposition auffallend zahm. Sie verzichten auf billige Reflexe, sondern liefern Angebote und Vorschläge. Neben einer schrill tönenden Linkspartei ist das riskant. Doch geht der Plan auf, könnte es die Partei richtig stark machen.

Ein Kommentar von Stefan Braun, Berlin

Große Koalition gegen kleine Opposition - unter solchen Bedingungen sind die Rollen schnell verteilt. Die Großen regieren, und die Kleinen opponieren; die Großen finden sich und alles klasse; die Kleinen halten dagegen. Klar, eindeutig, unmissverständlich - so hätte es sein können.

Doch während die Linken sich an dieses Muster halten, benehmen sich die Grünen derzeit anders als erwartet. Sie kämpfen nicht gegen alles und jeden, sondern versuchen, bei jedem Thema mit Angeboten und Vorschlägen im Gespräch zu bleiben. Das ist riskant. Aber es könnte die Partei dorthin führen, wo sie noch nie war: in eine inhaltliche Unabhängigkeit, die sie wirklich stark macht.

Gesprächsangebote statt Sturheit

Die Grünen nehmen damit fürs Erste in Kauf, beinahe bei jeder Frage von der Linkspartei übertönt zu werden. Das ist in der Debatte über eine neue Außenpolitik so, in der die Grünen eben nicht zu allererst vor Militäreinsätzen warnen, sondern ein Mehr an Verantwortung mit einem Mehr an Engagement, Glaubwürdigkeit und Entwicklungszusammenarbeit verbinden. Ähnlich handeln sie in der Debatte um die Energiewende. Auch hier machen sie Gesprächsangebote, statt auf stur zu schalten. Und das alles geschieht auch noch in einer Situation, in der die Grünen im Duell mit dem Talkshow-Meister Gregor Gysi keinen vergleichbar starken Rhetoriker aufbieten können.

Nach den üblichen Gesetzen des Berliner Politbetriebs ist das nicht einfach, sondern gefährlich, weil sie womöglich erst mal weniger Schlagzeilen produzieren und weniger Gehör finden. Sollte das alles eintreten, kann diese Strategie schnell mit schlechten Umfragen enden. Zumal nach dem Abgang der Altvorderen wie Renate Künast, Claudia Roth und vor allem Jürgen Trittin nicht geklärt ist, wer im neuen Führungsquartett den Ton vorgibt: Wer wird die Kernpositionen formulieren? Wer wird sie nach außen vertreten?

Ein guter Anfang

Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter, Simone Peter und Cem Özdemir haben zwar Zuständigkeiten verteilt. Aber die programmatischen Grundlagen sind noch nicht beschlossen. In einer derart offenen Situation das Gespräch und nicht den billigen Reflex zu suchen, ist - gelinde gesagt - ungewöhnlich. Dass es darüber noch keinen Streit gab, spricht dafür, dass es den Vieren mit diesem Kurs ernst ist.

Damit geschieht, was mancher dem Quartett nach der Bundestagswahl nicht zugetraut hätte: Sie bemühen sich um Unabhängigkeit für die Zukunft. Wenn sich die Grünen in einen Wettbewerb mit der Linkspartei begäben, würden sie den nicht gewinnen, sondern zwischen SPD und Linkspartei zerrieben und als Wurmfortsatz eines linken Bündnisses enden.

Sinnvoller ist es, bei jedem Thema neu zu fragen, was und wie grüne Politik heute sein soll - unabhängig davon, was die große Koalition macht oder nicht macht; unabhängig davon, wie laut die Linken dagegen halten. Eine Opposition soll Korrektiv sein. Und ein Korrektiv ist nur glaubwürdig, wenn es auf billige Reflexe verzichtet. Noch freilich ist das nicht mehr als ein guter Anfang.