Die Grünen im Umfrage-Hoch Wenn Kretschmann den Fischer machen muss

Es wäre großes Kino, wenn Joschka Fischer wirklich von den Grünen als K-Kandidat aufgestellt würde. Und er es dann auch machen würde. Allerdings muss man sich die Frage stellen: Und dann?

Ein Kommentar von Nico Fried

Man kann es sich ja einfach mal vorstellen: Wir schreiben das Jahr 2013 und Joschka Fischer ist zurückgekehrt. Als Kanzlerkandidat der Grünen walzt der 65-Jährige durch Deutschland. Nach acht Wochen Wahlkampf krächzt er nur noch heißer in die Mikrofone, hat dafür aber 21 Kilo abgenommen.

Fischer, Kretschmann, Claudia Roth (Archiv, 2005): Großes Kino

(Foto: dpa)

In der Fernsehrunde kurz vor der Wahl streitet Fischer mit Angela Merkel, dem SPD-Kandidaten Olaf Scholz und dem FDP-Superminister für Auswärtiges und Gesundheit, Philipp Rösler. Fischer zieht die weiten Bögen vom Atomausstieg bis nach Afghanistan, von der Bürgerversicherung bis nach Bengasi. Keiner versteht ihn, das beklagt er selbst, aber großes Kino ist sein Auftritt allemal.

Und dann?

Fischer war zu seiner Zeit als Außenminister davon überzeugt, dass ihn noch mehr Deutsche wählen würden, wenn nur seine Partei nicht wäre. Heute werden die Grünen ohne Fischer von mehr Deutschen gewählt oder in Umfragen für wählbar erachtet als jemals mit ihm. Daraus nun den Schluss zu ziehen, Fischer habe damals seiner Partei gar nicht genutzt, sondern sogar geschadet, wäre genauso offensichtlich verrückt, wie der Schluss, ein Fischer von damals und seine Partei von heute ergäben automatisch einen grünen Kanzler.

Die Person Fischer stand zu rot-grünen Zeiten über der diffusen politischen Identität seiner Partei. Mit seiner Popularität verhalf er, nicht allein, aber maßgeblich, den Grünen bis in die Regierung und hielt sie dort sieben Jahre lang, nicht allein, aber noch maßgeblicher.

Vom Atomausstieg bis zum Kriegseinsatz musste sich Fischer gegen die Grünen, musste er Regierungsverantwortung über Ideale stellen, ehe sich seine Parteifreunde maulend, aber mehrheitlich hinter ihn stellten. Die Grünen waren damals nicht viel anders als andere Parteien, deren Überzeugungskraft von der ihrer Führungsfigur abhängt.

An der richtigen Krümmung des Flusses

Heute ist Grün eine politisch-kulturelle Erscheinung, die mehr von einem Lebensgefühl auch bürgerlicher Schichten gespeist wird, als von einzelnen Persönlichkeiten. Renate Künast oder Jürgen Trittin oder wer sonst noch müssen sich gerade nicht an ihrer Partei abarbeiten, sondern werden mitgetragen wie auf einem Luftkissen.

Gerade nach Fukushima dürfen sich die Grünen, mit einem Wort von Franz Müntefering, an der richtigen Krümmung des Flusses sehen. Der Atomausstieg kommt womöglich schneller, als von ihnen selbst beschlossen. Die Grünen wären in der Opposition erfolgreicher als je zuvor an der Regierung.

Deshalb brauchen sie auch keine Kandidatendiskussion. Nichts wäre schädlicher für diesen Aufschwung als eine allzu enge Personifizierung - die kommt auf andere Weise noch früh genug, wenn zum Beispiel ein Ministerpräsident Winfried Kretschmann eine Entscheidung zu Stuttgart 21 mit seinem politischen Schicksal verknüpft.

Sehr viel wahrscheinlicher als die Rückkehr von Joschka Fischer ist nämlich, dass einer wie Kretschmann den Fischer machen muss.