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Deutsche Gesellschaft:Knallbuntes Kartenwerk

Tin Fischer, Mario Mensch (Grafiken): Gute Karten. Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben. Hoffmann und Campe, Hamburg 2020. 215 Seiten, 25 Euro.

Tin Fischers Deutschlandatlas zeigt Ungewöhnliches. Es fehlt aber hie und da an Einordnung.

Rezension von Werner Hornung

Mal sehen, was in dieser kartografischen Wundertüte steckt? "Gute Karten" steht auf dem großformatigen Band und dann folgt der Untertitel "Deutschland, wie Sie es noch nie gesehen haben". Es ist kein herkömmlicher Atlas samt nüchterner Geografie, sondern ein knallbuntes Kompendium mit thematischen Karten und Infografiken, die der Illustrator Mario Mensch gefertigt hat.

Die Idee zu diesem bundesdeutschen Panorama und all die knappen Erklärungen dazu stammen von Tin Fischer, der für die Zeit schreibt; dort im Magazin erscheinen solche Karten mit eingeplantem Aha-Effekt seit langem. Eine größere Auswahl davon war bereits 2009 im preisgünstigen Knaur-Taschenbuch "Deutschlandkarte" von Matthias Stolz zu finden.

Jetzt also "Gute Karten" - ein ähnlicher Band, mit aktuellem Zahlenmaterial versehen, allerdings ohne Inhaltsverzeichnis. Er enthält auf hundert Doppelseiten gesellschaftliche, demografische, kulturelle, wirtschaftliche und politische Momentaufnahmen.

Bei seinen Recherchen ist Tin Fischer, der aus der viersprachigen Schweiz kommt, als erstes hierzulande die landschaftlich unterschiedliche Aussprache von China aufgefallen. Im Süden sagt man "Kina" und im Rest unserer Republik "Schina" (laut Duden übrigens die korrekte Standardlautung). Zeichnerisch verdeutlicht wird das durch eine stilisierte Chinesische Mauer, die Deutschland teilt.

Gegensätzliche Fakten etwa zum Länder-Finanzausgleich, zu Drogen im Abwasser oder zur Amtsdauer von Regierungschefs überwiegen in diesem Buch. Fünf Kurvenbilder zeigen zum Beispiel statistisch zuverlässig das "noch nicht vereinigte Deutschland" anhand der Bereiche Einkommen, Lebenserwartung, Vermögen, Arbeitslosenquote und Alter der Mutter bei der Geburt.

Weniger genau sind dagegen die Auskünfte, wenn man die beiden Seiten mit der Überschrift "Stasi-Standorte" aufblättert. Hier informieren links ein paar Zeilen über den ehemaligen Geheimdienst und rechts im grau eingefärbten DDR-Umriss wimmelt es nur so von symbolischen Augen, die für Stasi-Einrichtungen stehen; leider fehlen aber die dazugehörigen Ortsbezeichnungen.

Auch die Doppelseite zur AfD müsste aussagekräftiger sein; denn so ist es bloß ein kartografisch gestalteter Kontrast ohne jegliche Erklärung. Einerseits ist ein Teil Ostdeutschlands mit der Anmerkung "Wo die AfD über 18 % erreicht hat" zu sehen, andererseits der Westen mit der Überschrift: "Wo mehr als 2,5 % Nicht-EU-Ausländer leben". Solch plakative Sprachlosigkeit genügt nicht, hier wären noch aufklärende Notizen nötig. Es ist halt wie bei Wundertüten, manchmal greift man ein bisschen daneben.

© SZ vom 24.08.2020/odg
Petra Morsbach

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