Werkstatt Demokratie So streiten Sie besser

(Foto: Jonathan Sharp/Unsplash; Illustration Jessy Asmus)

Weil Konflikte unbequem und anstrengend sind, vermeiden viele sie lieber. Dabei kann Streiten helfen - wenn man es richtig macht. Eine Anleitung.

Von Meredith Haaf

Stellen wir uns eine Welt vor, in der Streit etwas ist, das einfach dazu gehört. So wie man seinem Hobby nachgeht, kocht, Babys wickelt; mal mehr, mal weniger bereichernd, aber eben: selbstverständlich. Nichts, wovor man sich fürchtet, das man zu meiden versucht oder aber anderen aufzwingt.

So müsste es sein. Trotzdem erleben viele Streit als Stress. Im Arbeitsalltag gilt er als produktivitätshemmend und lästig. Und in vielen Familien führt er allzu oft in eine Spirale des bitteren Schweigens.

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Das ist umso bedauerlicher, wenn man bedenkt, dass die Zeit für produktive Auseinandersetzungen eigentlich besser denn je ist. Noch nie war die Gesellschaft so wenig hierarchisch und Hierarchie so unpopulär. Frauen und Männer leben zumeist auf Augenhöhe. Rassismus gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund oder anderer Hautfarbe wird immer weniger akzeptiert. Erwachsene bringen Kindern in der Regel mehr Wertschätzung und Aufmerksamkeit entgegen als früher. Und auch in vielen Betrieben etablieren sich - zumindest augenscheinlich - flachere Hierarchien. Damit entstehen auch neue Ansprüche, gehört und beachtet zu werden. Um diese Chancen zu nutzen, gilt es, in Konfliktfällen ein paar Dinge zu beachten:

1. Ein guter Streit braucht ein Ziel

Ob mit der Kollegin, mit dem Partner oder diesem nervigen Hansel auf Twitter: Wer gut durch einen Konflikt kommen will, sollte sich vorher überlegen, wozu der Konflikt gut ist. Geht es darum, eigene Interessen zu vertreten - also sagen wir, eine Aufgabe abzulehnen, weil man das Pensum nicht schafft? Geht es darum, zu gewinnen - also sagen wir, den Urlaub mit den Schwiegereltern zu verhindern? Geht es darum, ein Zeichen zu setzen - und vielleicht nebenbei das Publikum zu beeindrucken? All das sind Ziele, die unterschiedliche Erwartungen mit sich bringen. Aber viel zu oft streiten wir, als gäbe es nur Sieg oder Niederlage. Dann kann es sich wie ein lebensnotweniger Akt anfühlen, dem anderen die eigene Meinung um die Ohren zu hauen - dabei ist es eigentlich nur ein Aushandeln von Positionen. Und statt sachlich die eigenen Interessen zu vertreten, schleudert man dem anderen wütende Sätze entgegen. Deswegen haben spontane Streits oft nicht mehr als eine Ventilfunktion und sollten genau so behandelt werden. Ein guter Streit ist einer, bei dem man weiß, was man von ihm erwarten kann.

2. Ein guter Streit braucht gute Meinungen

Hannah Arendt hat die Meinung als Ergebnis eines langen, aushandelnden Prozesses beschrieben, bei dem man sich offen verschiedene mögliche Standpunkte vergegenwärtigt: Es gelte, "mit Hilfe der Einbildungskraft, aber ohne die eigene Identität aufzugeben, einen Standort in der Welt einzunehmen, der nicht der meinige ist und mir nun von diesem Standort aus eine eigene Meinung zu bilden." Doch wer ehrlich ist, muss zugeben: In der schnelllebigen, schnellmeinenden Gegenwart nehmen wir diese beschwerliche intellektuelle Reise viel zu selten auf uns. Meinungen sind, das wissen wir aus Forschung zum confirmation bias und der Filterblase, schnell gebildet und schwer zu ändern. Doch wir sollten zumindest wissen, worauf die eigene Meinung gründet, warum wir sie haben - und was sich gegen die Gegenmeinung vorbringen lässt. Dabei nicht vergessen: Angst, Unbehagen, Wut - das sind Gefühle. Aber keine Argumente.

3. Ein guter Streit braucht Regeln

Natürlich darf es auch mal heiß her gehen, aber grundsätzlich streitet es sich besser mit gewissen Spielregeln - zum Beispiel, indem man sich am Schema von Mediatoren orientiert: Sie beginnen mit einer Klärungsphase. Dabei darf erst Partei A sprechen, während Partei B zuhört. Dann wiederholt der Mediator das Gesagte, um sicher zu gehen, dass Partei A sich richtig verstanden fühlt. Anschließend wird getauscht. Am besten aktiviert man also in einem Streit den eigenen inneren Mediator. Erst einmal hört einer dem anderen zu und gibt dann wieder, was er oder sie gehört hat - so gibt es die Möglichkeit, Missverständnisse zu korrigieren. Und dann ist der andere dran. Danach besprechen beide, was sie sich eigentlich wünschen - und entdecken dabei möglicherweise Gemeinsamkeiten. Allein diese Formalisierung kann einem Streit viel von seiner Wucht und Unvorhersehbarkeit nehmen. Das schafft Klarheit und innere Ruhe. Für private und berufliche Konflikte gilt das übrigens ganz besonders, aber auch an Stammtischen oder bei politischen Diskussionen.

4. Ein guter Streit braucht Pausen

Zwischendurch mal den Raum verlassen. Notfalls auf die Toilette gehen. Durchatmen. Argumente sammeln. Kurz für sich sein und überlegen, worum es eigentlich geht. Zur Not den Streit auch um eine Woche verschieben, das hilft gerade in beruflichen Situationen ungemein.

5. Ein guter Streit braucht Kontakt

Der Grund, warum Streit in den Sozialen Medien so oft eskaliert, ist offensichtlich: Es fehlt der Blick ins andere Gesicht, der Klang der Stimme und auch der Klang der eigenen Stimme, die wir im Gespräch modulieren, damit sie erst dann gereizt klingt, wenn es nicht anders geht. Wir sind uns im Netz zu nah - Bildschirm an Bildschirm - und zu fern, an völlig unterschiedlichen Orten zugleich. Eine gute Strategie für den Streit on- und offline ist, immer wieder Kontakt zum anderen aufzunehmen, in Form von Fragen: Meinst du das so? Bist du sicher, dass du mir diesen Vorwurf machen willst? Wie geht es dir? Das schafft Nähe, wo man sich vielleicht sehr fern und allein fühlt, und es zwingt den anderen, kurz einen Blick auf sich selbst zu werfen.

6. Eine Lösung am Ende ist schön - aber nicht zwingend

Lösungen sind überbewertet - jedenfalls wenn man sie sich sofort und direkt als Ergebnis eines Konflikts erhofft. "Und, was machen wir jetzt? Wie geht es jetzt weiter?" Das sind Fragen, die im Streit oft fallen und konstruktiv und nach vorne gerichtet wirken. Doch in Wirklichkeit schaffen sie oft einen Lösungsdruck, der zu früh kommt. Konflikte brauchen ihre Zeit. Gerade in der Politik ist das offensichtlich. Das Ergebnis ist oft gar keine Lösung, wie sich etwa an der sehr fruchtlosen Debatte um das so genannte Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche nach §219a sehen lässt. Am Ende kam ein lächerlicher Kompromiss heraus. Aber es herrscht zumindest partielle Klarheit darüber, welche Politiker in der Debatte wo stehen.

Gerade in politischen Diskussionen ist die Klarheit so wichtig, auch weil sie manchmal eine rote Linie zu Tage befördern kann. Denn um gut zu streiten, muss man auch etwas gemeinsam haben: die Achtung vor dem Grundgesetz. Oder den Wunsch nach Frieden. Das Interesse an einer lebenswerten Umwelt. Wenn das nicht gegeben ist, sich das Menschenbild zu radikal unterscheidet zum Beispiel - dann kann ein Streit wirklich sinnlos und gelegentlich auch furchteinflößend sein, dann gibt es vielleicht nichts mehr zu reden.

Doch diese Einschätzung sollte man sich zumindest ehrlich erstritten haben.

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(Foto: Manuel Kostrzynski)